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Flüchtlingshilfe in Halstenbek



Die Initiative „Willkommen in Halstenbek“ hat schon viel Wunderbares erreicht und gemeinsam ist noch weiterhin viel zu tun! Machen Sie mit?!

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich möchte Sie gern auf ungewöhnliche Weise auf das Thema dieses Artikels einstimmen. Lassen Sie sich doch bitte auf das folgende – Achtung, vielleicht etwas unbequeme – Gedankenspiel ein: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich folgendes schreckliches Szenario vor: In Deutschland herrscht Krieg. Genauso wie das restliche Bundesgebiet ist Schleswig-Holstein und (gerade aufgrund der Nähe zu Hamburg) auch Halstenbek betroffen. Es fallen Bomben, es herrscht Verzweiflung, Terror, Hunger und Verwüstung. (Sicherlich können sich die älteren Leser/innen unter Ihnen dieses Szenario aufgrund grauenhafter eigener Erfahrungen bildhafter vorstellen, als die jüngere Generation, der ich selber angehöre). Sie sind gezwungen zu fliehen. Einige Ihrer Familienmitglieder müssen in Halstenbek bleiben, obwohl die Situation für Ihre Angehörigen sehr gefährlich ist. Sie selbst finden Zuflucht in einem anderen Land fernab Ihrer wohlbekannten Heimat. Sie sind dankbar für den Schutz, den Sie hier, in einem Ihnen unvertrauten Land gewährt bekommen. Trotz der empfundenen Dankbarkeit ist die Alltagsbewältigung häufig mühsam und herausfordernd: Zunächst müssen Sie Ihnen fremde Schriftzeichen und eine ungewohnte Sprache erlernen. Die Menschen „ticken“ anders als Sie es von Ihrer Heimat gewohnt sind und vermeintliche Trivialitäten wie das ungewohnte Klima und das Essen sind manchmal erschöpfend. In den Behörden erwartet man Handlungen von Ihnen – wie etwa das Ausfüllen komplexer Antragsdokumente – die Sie schwer nachvollziehen können. Dazu kommt die Sorge um die in der Heimat verbliebenen Familienmitglieder. Würden Sie diese Situation meistern, ohne Menschen, die Sie unterstützen? Ohne Menschen, die sich vielleicht mal die Zeit nehmen, Ihnen ein paar Dinge nochmal etwas ausführlicher und mit Ruhe zu erklären? Vielleicht ja; vielleicht eher schlecht als recht. In jedem Fall wären Sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit den Mitmenschen und neuen Nachbarinnen und Nachbarn sehr zugetan, wenn diese Ihnen Unterstützung bieten würden.

Hilfe und Unterstützung benötigen und wünschen auch viele geflüchtete Menschen, die hier in Halstenbek ankommen. Ich möchte jedoch gern direkt betonen, dass viele der geflüchteten Menschen nun schon ein paar Jahre in Halstenbek leben und die im eben hervorbeschworenen Szenario beschriebene starke Orientierungslosigkeit und Unsicherheiten im Laufe der letzten Jahre natürlich nachgelassen haben. Bei vielen Geflüchteten haben sich stattdessen ausreichende bis sehr gute Sprachkompetenzen, ein wachsendes Selbstbewusstsein und ein nahezu „reguläres“ Alltagsleben eingestellt.

Bevor es in diesem Artikel ausführlicher um die Situation hier in Halstenbek ankommender Geflüchteter und die Flüchtlingshilfe der Willkommenskultur gehen soll, nähern wir uns zunächst kurz dem Thema „Flucht“ im Allgemeinen.

Menschen auf der Flucht – Die Situation weltweit, in der Bundesrepublik Deutschland und in Halstenbek

Weltweit sind Menschen auf der Flucht vor bewaffneten Konflikten, Verfolgung und Kriegen. Laut Angaben der UNO ist die Zahl der Geflüchteten niemals zuvor so hoch gewesen wie heute. Mitte 2018 waren etwa fast 70 Millionen auf der Flucht – wenn man mal darüber nachdenkt, sind diese 70 Millionen zahlenmäßig nahezu gleichzusetzen mit der kompletten Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Gleichzeitig sollten wir diese 70 Millionen differenziert betrachten: die Mehrzahl dieser Menschen ist im eigenen Land, als sogenannte „Binnenflüchtlinge“, auf der Flucht. Des Weiteren flüchten Millionen von Menschen in angrenzende Länder.

Dennoch ist – wie Sie wissen – durchaus für viele Geflüchtete Europa das Ziel ihrer Flucht. Auch Deutschland ist aufgrund internationaler Gesetzgebungen verpflichtet, asylsuchenden Menschen Schutz zu bieten. Laut Ausländerzentralregister (AZR) lebten zum Jahreswechsel 2018/2019 circa 1,1 Millionen Schutzsuchende in Deutschland.

Seit Jahrzehnten kommen auch in der Gemeinde Halstenbek Menschen unterschiedlicher Nationalitäten an, um vorübergehend oder dauerhaft Schutz zu finden. Migrations- und Integrationsangelegenheiten sind daher in unserer Gemeinde kein komplettes Novum. Auch die evangelische Kirche war beim Thema Einwanderung schon über Jahrzehnte aktiv: so war vor circa 25 Jahren die evangelische Kirchengemeinde Gründungsmitglied des Diakonievereins Migration. Aus dem Kreis der Kirche hat sich des Weiteren in den 90er Jahren auch der Deutsch-ausländische Freundeskreis entwickelt, damals waren vor allem die vorherrschenden Themen der Jugoslawien-Krieg, kurdische Flüchtlinge und Aussiedler.

Und heute? Derzeit, zum Stand April 2019, leben rund 300 erwachsende und minderjährige Geflüchtete in Halstenbek (diese Zahl gibt nur die Anzahl der Geflüchteten an, d.h. hier berücksichtigen wir nicht alle weiteren Gruppen von Migrant/innen). Die in Halstenbek wohnhaften Geflüchteten kommen aus circa 15 unterschiedlichen Herkunftsländern.

Initiative „Willkommen in Halstenbek“ – gelebte Integration und Hilfsbereitschaft

(Flucht-) Migration nach Halstenbek ist – wie gerade beschrieben – keine neue Entwicklung. Dennoch stellten die bundesweit rasch steigenden Asylantragstellerzahlen von 2015/2016 eine besondere Situation dar. In großen Teilen der Bundesrepublik wurde seitens Politik, Kirchen und vor allem auch seitens der Zivilgesellschaft in den Jahren 2015/2016 überwiegend mit Solidarität auf die Ankunft vieler Geflüchteter reagiert. Diese Situation spiegelte sich auch in Halstenbek wider: Ähnlich wie in vielen anderen deutschen Kommunen und Städten sind damals in der Halstenbeker Flüchtlingshilfe ehrenamtliche (Versorgungs-)Strukturen und Hilfsangebote ad hoc entstanden – die Einwohner/innen „packten“ engagiert an und halfen. Aus der Situation heraus entstand die ehrenamtliche Initiative „Willkommen Halstenbek“ und großartige Angebote, wie etwa die Einrichtung einer (ehrenamtlich betriebenen!) Kleiderkammer wurden mit besonderem Tatendrang und Organisationsgeschick umgesetzt. Um den neuzugewanderten Menschen einen besseren Start zu ermöglichen, hat sich 2015 in Halstenbek aus den eher spontanen Strukturen die Gruppe bzw. Initiative „Willkommen in Halstenbek“ gebildet. Diese hat sich unter der organisatorischen Federführung der damaligen Ehrenamtskoordinatorin Frau Utz weiter toll entwickelt. Seit Juli 2018 darf ich die ehrenamtlichen Flüchtlingsunterstützer/innen in Halstenbek hauptamtlich koordinieren. Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich wissenschaftlich, praktisch und ehemals selbst als Ehrenamtliche mit Flucht und Asyl. Neben der Ehrenamtskoordination bin ich als Integrationsbeauftragte tätig und ansprechbar für alle hilfsbedürftigen Halstenbeker/innen.

Die Initiative „Willkommen in Halstenbek“ heute: Vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten

Durch die Medien bekommen wir häufig mit, dass im Vergleich zu 2015/2016 zurzeit weniger Geflüchtete nach Deutschland und damit in den Kreis Pinneberg kommen. Aktuell „sendet“ der Kreis Pinneberg der Gemeinde Halstenbek weniger Menschen zu, zu deren Unterbringung die Gemeinde Halstenbek verpflichtet ist. Dennoch kommen weiterhin in regelmäßigen Abständen Asylsuchende in der Gemeinde Halstenbek an. Diese Personen benötigen und wünschen sich häufig Unterstützung – besonders beim anfänglichen Zurechtkommen in Halstenbek. Die Mehrheit der Geflüchteten Halstenbek wohnen nun schon 2-3 Jahre in Halstenbek und sind daher, das möchte ich nochmal wiederholen, seit Langem nicht mehr derart überfordert und orientierungslos wie im Anfangs-Szenario beschrieben. Viele Geflüchtete haben mehrere Deutschkurse bestanden, sind erfolgreich in Ausbildung oder Erwerbstätigkeit gekommen. Daher haben sich die Bereiche, in denen Unterstützungsbedarf besteht, verschoben. Statt anfänglicher Orientierungshilfe bedürfen diese Menschen nun eher Unterstützung beim Zurechtkommen auf dem privaten Wohnungsmarkt oder beim Ausbildungs- oder Arbeitseintritt. 2- 3 Jahre reichen sicherlich nicht aus, um alles am häufig komplexen bürokratischen Deutschland ganzheitlich zu verstehen. Daher wünschen sich auch die Geflüchteten, die schon länger in Halstenbek wohnen, häufig weiterhin Unterstützung. Einige hätten gerne auch einfach (noch mehr) Kontakt zu Einheimischen, um zu plaudern und Tee zu trinken oder gemeinsam spazieren zu gehen. Generell ist Integration ein langer und immer weiterlaufender Prozess, den ehrenamtliche Helferinnen und Helfer begleiten und fördern können. Damit gibt es weiterhin viel hier in Halstenbek zu tun. Die Möglichkeiten, sich ehrenamtlich in der Willkommenskultur zu engagieren, sind vielfältig und hängen ab von individuellen Interessen der Ehrenamtlichen und ihren zeitlichen Kapazitäten. Einige engagieren sich lieber auf individueller Ebene für einzelne Geflüchtete, andere Ehrenamtliche hingegen präferieren die geselligen Gruppenangebote etwa indem sie in den ehrenamtlichen Sprachcafés aktiv werden. Wiederum andere veranstalten sporadisch und unregelmäßig mal tolle Ausflüge oder Spiele- und Bastelnachmittage.

Ein sehr wichtiger Teil unserer Willkommenskultur in Halstenbek sind die sogenannten „Paten“. Ein Ehrenamtlicher dient als direkter Ansprechpartner für Geflüchtete, indem man beispielsweise bei Behördengängen oder bei der Wohnungssuche unterstützt. So eine „Patenschaft“ wird meistens als Bereicherung für alle Beteiligten empfunden: Für die Neuzugewanderten, da sie hier, in ihrer neuen Umgebung, einen Einheimischen kennenlernen, der ihnen hilft, die Hürden des Alltags zu meistern. Für die Paten ist es freudebringend, über andere Länder zu erfahren und Integrationsfortschritte zu beobachten, wie beispielsweise der erste Job oder – mit Glück – die erste, privat angemietete Wohnung. Häufig entstehen aus diesen Patenschaften lange und vertrauensvolle Beziehungen.

Andere Ehrenamtliche engagieren sich in den gerade schon erwähnten Sprachcafés, die als Gruppenangebote angeboten werden. In beiden Cafés heißen die ehrenamtlichen Mitarbeitenden bei Kaffee und Kuchen alle Personen willkommen, die noch intensiver Deutsch lernen möchten. Unsere ehrenamtlichen Sprachhelfer/innen leisten natürlich stets einen tollen Dienst und es werden immer weitere Sprachhelfer/innen gesucht.

In der Fahrradwerkstatt werden zweimal monatlich gespendete Fahrräder wieder verkehrstauglich gemacht und dann den Neuzugewanderten (für einen kleinen symbolischen Betrag) zur Verfügung gestellt. Auch die eigenständige ehrenamtliche Gruppe „Ideenwerkstatt“ bringt sich regelmäßig mit tollen Angeboten in der Willkommenskultur ein.

Bei Lehrerinnen und Lehrern, Ehrenamtlichen, meiner Kollegin Fr. Schueler-Albrecht vom Diakonieverein Migration e.V. oder bei mir landen auch immer wieder Anfragen von geflüchteten Eltern bezüglich Nachhilfe für ihre Kinder. Häufig können die Eltern diese selbst nicht leisten. Daher sind wir aktuell beim Aufbau eines Nachhilfepools. Auch hierfür benötigen wir Unterstützung – vielleicht wäre das ja etwas für Sie, lieber Leser, liebe Leserin? Übrigens sind viele Kirchenmitglieder/innen in der Willkommenskultur Halstenbek bereits aktiv.

Möchten Sie sich „Willkommen in Halstenbek“ anschließen? Wir freuen uns auf Sie!

Wie oben beschrieben, gibt es nach wie vor viel zu tun – daher würden wir uns sehr über neue Gesichter in der Initiative „Willkommen in Halstenbek“ freuen. Die meisten Ehrenamtlichen empfinden die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe als persönliche Bereicherung und als sehr Freude bringend. Warum? Hier noch ein paar weitere Gründe, diesmal in der Kurzfassung:

- Freundschaften – zu alteingesessenen und neuen Halstenbekerinnen und Halstenbeker – können entstehen,

- Kennenlernen von Menschen anderer Ethnizitäten, Sprachen und Religionen wird ermöglicht,

- Integrationsfortschritte können beobachten werden (etwa wenn der Ausbildungsstart gelingt, bringt das Freude!),

- Durch die gelebte, gemeinsam gestaltete Integration kann zu einer aktiven, solidarischen und sozialen Zivilgesellschaft beigetragen werden,

- Viele empfinden das Ehrenamt als sinnvolle Freizeitgestaltung und Form der Nächstenliebe.

Für jeden und jede gibt es eine passende Art des Engagements – abhängig von Ihren zeitlichen Möglichkeiten, Ihren Interessen, Kompetenzen und Ihren Wünschen. Der Initiative gehören engagierte und fröhliche Menschen an. Hier hilft man sich gegenseitig und wir veranstalten auch mal gelegentlich Feste – wie beispielsweise das im August stattfindende Sommerfest (zu diesem Fest wird übrigens eine Ehrenamtliche in der Juli-Ausgabe dieses Gemeindebriefes herzlich einladen). Ich werde Sie als Ehrenamtskoordinatorin gern mit Rat und Tat unterstützen, bspw. durch regelmäßige Austauschtreffen, persönliche Gespräche mit Ihnen oder durch die Organisation von Fortbildungen. Auch die Migrationsberaterin Karen Schueler-Albrecht vom Diakonieverein Migration e.V. unterstützt bei sämtlichen Belangen, insbesondere zum Asylrecht oder Jobcenterangelegenheiten. Sprich: Sie werden sich als Ehrenamtlicher keineswegs „allein gelassen“ fühlen. Wenn Sie Lust haben, uns zu unterstützen, freue ich mich sehr über Ihre Kontaktaufnahme:

Kristina Wottrich, Tel: 491122, E-Mail: kristina.wottrich@halstenbek.de oder besuchen Sie mich doch einfach im Zimmer 6 des Rathauses in Halstenbek.

Ich habe übrigens die Freude, am 13. Juni 2019 um 20.00 Uhr beim Ökumenischen Gesprächsforum im Gemeindehaus der Erlöserkirche als Referentin zu Besuch zu sein. Vielleicht lernen wir uns ja auch dort kennen und kommen in den Dialog.

Mit einem positiv gestimmten Gruß – schließlich ist Integration, vor allem dank der Ehrenamtlichen in Halstenbek seit Jahren vorbildlich und wunderbar von statten gegangen und so werden wir sicherlich weitermachen – verbleibe ich herzlich

Kristina Wottrich,
Integrationsbeauftragte und Koordinatorin der Initiative „Willkommen in Halstenbek“ der Gemeinde Halstenbek


Danksagung

Dank geht an Gerhard Thimm, Ehrenamtlicher der Initiative „Willkommen in Halstenbek“ sowie Karen Schueler-Albrecht vom Diakonieverein Migration e.V. für Anregungen zu diesem Text.

Verwendete Quellen:

https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/zahl-der-fluechtlinge.html

https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten/

https://www.halstenbek.de/kultur-freizeit/willkommen-in-halstenbek/netzwerk-willkommen-in-halstenbek/

Integrationskonzept der Gemeinde Halstenbek