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Luther: Weihnachtspredigt

Ein Bruder im Himmel

Martin Luther war ein kraftvoller Prediger. In direkter, manchmal derber Sprache bringt er auf den Punkt, was den christlichen Glauben ausmacht. Auch nach 500 Jahren können seine Predigten Christen und Christinnen inspirieren. An manchen Stellen wirken seine Glaubensüberzeugungen wohl auch veraltet und befremdend. Wenn er vom Teufel spricht, wie von einer realen Person, wenn für ihn Himmel und Erde wie selbstverständlich von Engeln bewohnt sind oder wenn er von der verderblichen, sündigen Natur des Menschen ausgeht, dann hört sich das für uns sehr mittelalterlich an. Doch es lohnt sich trotzdem, auf ihn zu hören! Zwei Predigten von ihm zum Weihnachtsfest aus dem Jahr 1538 können Sie hier lesen. Hinter der stillen, heiligen Nacht steckt eine Macht, die den Menschen verändert.

Am Heiligen Christtag von der Geschichte,
wie Chistus zu Bethlehem geboren ist


Dies Fest, von der Geburt unseres lieben Herrn Jesu Christi, ist vornehmlich um der Ursache willen unter den Christen eingesetzt, daß man die Geschichte predigen und wohl lernen soll, daß sie dem jungen Volk und gemeinen Mann im Gedächtnis bleibe, daß sie es wohl in das Herz bilden und ihren Erlöser recht erkennen lernen. Denn obwohl man es jährlich sagt, so kann man nicht genug davon predigen, noch genug lernen. Wir wollen deswegen das Evangelium in zwei Stücke teilen. Zum ersten die Geschichte erzählen auf das einfältigste, wie sie sich zugetragen; danach hören, was die lieben Engeln davon predigen und singen.
Das erste Stücke in der Geschichte ist dies: dass Christus geboren ist eben zu der Zeit, da unter dem Kaiser Augustus zum erstenmal die Juden und ihr Vermögen geschätzt worden sind. Da hat unser lieber Herr Christus zu regieren, obwohl heimlich, in der Welt angefangen, und muß ihm der große Kaiser Augustus samt seinem Reich dienen, wohl unwissend, und die Ursache mit seinem Gebot dazu geben, daß die Jungfrau Maria samt ihrem vertrauten Mann Josef gen Bethlehem reist, und wie die Propheten zuvor geweissagt hatten, den Heiland der Welt daselbst an das Licht bringt. Sonst, wo solches durchs Kaisers Gebot nicht so verursacht, würde Josef und Maria wohl daheim geblieben sein. Aber Christus sollte zu Bethlehem geboren werden, darum muß der Kaiser dazu die Ursache geben, und also dem Herrn Christus zu seiner Geburt dienen; obwohl weder Kaiser noch die Welt etwas davon wußten. Denn sonst ist die Welt wohl so böse und untreu, daß sie es lieber verhindert, denn gefördert hätte. Aber Gott führt sein Regiment also, daß sie unwissend häufig tun müssen, was sie wissend nie zu Wege bringen würden.
Als sie nun, dem Kaiser Gehorsam zu leisten, aus Galiläa in Judäa gen Bethlehem gekommen sind, sagt der Evangelist, sei die Zeit gekommen, daß die Jungfrau Maria gebären sollte. Da sind doch alle Dinge zu der Zeit ganz ungeschickt. Siehe, die zwei Eheleute sind in einem fremden Land, in einer fremden Stadt, da sie weder Haus noch Hof haben, und ob sie schon, wie es wohl anzunehmen ist, Freunde da haben, so haben doch diese an sie nicht gedacht. Über das alles war die Stadt noch so voll, daß, wie der Evangelist sagt, sie keinen Raum hatten in der Herberge, müssen deswegen in den Kuhstall, und sich da wie die armen Leuten behelfen. Da wird weder Schrank, Leinen, Polster, Kissen noch Federbett gewesen sein; ein Bund mit Stroh war noch das Beste, was sie bei dem Vieh finden konnten. Und es war im harten Winter bei Nacht, daß die heilige Frucht, daß Kindlein Jesus, geboren wurde.
Dies ist kurz die Geschichte, welche ohne Zweifel der Evangelist so uns erzählen wollte, weil wir sonst so kalt sind, ob er doch ein wenig unsere Herzen erwärmen könnte, weil unser Heiland so elendiglich auf diese Welt geboren ist. Bethlehem wäre wohl wert gewesen, daß sie damals in den Abgrund der Hölle versunken wäre, die nicht so viel die Ehre ihrem Heiland beweise, daß sie ihm irgend eine kleine Kammer und Bett mit einem Kissen leihet. Seine Wiege ist zuerst der lieben Mutter Schoß, danach die Krippe. Die arme Mutter, will sie nicht erfrieren, so wird sie sich mit ihrem Mantel, den sie gehabt, allein zudecken; denn hier ist niemand, der Kind oder Mutter etwas leihen, dienen, oder mit dem Geringsten helfen könnte.
Warum malt doch der Evangelist diese Geburt so arm und elend? Darum, daß du daran denken und es nimmermehr vergessen sollst, und es dir durch dein Herz gehen lassen, und besonders, weil du hörst, es ist alles deinetwegen geschehen, daß du darüber fröhlich und Gott auch dankbar dafür bist. Es ist eine weite Reise von Nazareth aus Galiläa nach Bethlehem, ja, soweit als aus Sachsen nach Bayern, wenn nicht noch weiter. Da ist es doch wohl zu denken, daß sie auch nicht viel Hausrat mitgeführt oder getragen haben. So werden die Windeln oder was sonst zu solchem Handel gehört, auch nicht besonders schön gewesen sein, daß sie das Kind vielleicht nur mit ihrem Hemd eingewickelt und in die Krippe gelegt hat. Denn sie hat es nicht immer im Schoß halten können, und sich an den Kleidern und Leib der Mutter wärmen, sondern das liebe Kind mußte sich mit Stroh und Heu und einer Krippe behelfen. Josef hat auch das Beste tun müssen, und es wird wohl so gewesen sein, daß eine Magd dem Hause mit Wasser holen und anderen ihnen gedient habe, wie es in der Not üblich ist. Aber solches ist hier nicht geschrieben. Darum ist es zu vermuten, obwohl jedermann wußte, daß ein junges Weib im Kuhstall gelegen, sich doch niemand ihrer angenommen hat.
Spuck du dich an, du schändliches Bethlehem, weil du dich so hart und unbarmherzig gegen deinen Heiland stellst, daß du ihm auch den geringsten Dienst nicht erzeigst! Du hättest die Strafe von Sodom und Gomorra besser verdient, daß Schwefel und Feuer vom Himmel herab geregnet wäre und dich zu Grunde vertilgt. Denn obgleich die Jungfrau Maria eine Bettlerin, oder eine ehrliche Frau gewesen, so sollte man doch in solcher Not und Zeit, ihr zu dienen willig und geneigt gewesen sein. Jawohl, es wird nichts daraus, dies Kind muß in Tüchern gewickelt und in eine Krippe gelegt werden, dabei bleibt es. So soll dieser Herr auf Erden empfangen werden, wohl die anderen prassen, fressen, große Pracht treiben mit schönen Kleidern, herrlichen Häusern.

Das ist das erste Stück von der Geschichte, welche uns darum so vorgeschrieben ist, daß wir das Bild lernen sollen und in unser Herz fassen, wie unser lieber Herr Jesus Christus so elendiglich in dieser Welt geboren ist, auf das wir lernen Gott für solche große Wohltat zu danken und zu loben, daß wir armen, elenden, ja auch verdammten Menschen heut zu so großen Ehren gekommen, daß wir ein Fleisch und Blut mit dem Sohn Gottes geworden sind. Denn eben der ewige Sohn des ewigen Vaters, durch welchen Himmel und Erde aus nichts erschaffen ist, der ist, wie wir hören, Mensch geworden und auf diese Welt geboren wie wir, ohne daß es mit ihm ohne alle Sünde zugegangen ist. Deswegen mögen wir rühmen, daß Gott unser Bruder, ja, unser Fleisch und Blut geworden sei. Diese große Ehre ist nicht den Engeln, sondern uns Menschen widerfahren. Deswegen obwohl die Engeln eine herrlichere Kreatur sind denn wir, so hat doch Gott uns mehr und höher geehrt und sich näher zu uns getan, denn zu den Engeln, weil er nicht ein Engel, sondern ein Mensch geworden ist. Wenn nun wir Menschen solches recht bedenken und von Herzen glauben könnten, so sollte gewißlich solche unaussprechliche Gnade und Wohltat unseres lieben Herrn Gottes eine hohe große Freude machen, und uns treiben, daß wir Gott von Herzen dafür dankten, ihn liebten und gern uns nach seinen Willen halten würden.
Im Papsttum hat man eine Geschichte erzählt: Es sei der Teufel auf eine Zeit in eine Kirche zur Messe gekommen, und da man die Worte gesungen habe: «Gottes Sohn ist Mensch geworden» und die Leute gestanden und sich nicht niedergekniet, hat er ihnen auf das Maul geschlagen, und geschimpft und gesagt: Du grober Bauer, schämst du dich nicht, daß du so stehst wie ein Stock, und nicht vor Freuden niederfällst? Wenn Gottes Sohn unser Bruder geworden wäre wie euer, müßten wir nicht, wo wir vor Freude bleiben sollten. Ich glaube nicht, daß es wahr ist; denn der Teufel ist uns und dem Herrn Christus zu feind: aber daß es gewißlich wahr, der es so gedichtet hat, der hat einen hohen Geist gehabt, und die große Ehre wohl verstanden, welche uns widerfahren ist indem, daß Gottes Sohn ist Mensch geworden: nicht wie Eva noch Adam, der aus Erden ist gemacht worden; sondern er ist uns noch näher gekommen, besonders weil er aus Fleisch und Blut von der Jungfrau Maria geboren ist, wie andere Menschen, ohne daß sie, die Jungfrau, allein gewesen, und vom Heiligen Geist geheiligt, ohne Sünde und vom Heiligen Geist diese selige Frucht empfangen hat. Außer diesem ist er uns gleich und ein rechter natürlicher Weibessohn, wie Paulus sagt: Er sei erfunden in allem ein Mensch wie wir, der gegessen, getrunken, fröhlich und traurig gewesen ist.
Das heißt ja sich tief demütigen und herunter lassen. Denn er hätte es wohl machen können, daß er ein Mensch geworden, wie er jetzt im Himmel ist, daß er Fleisch und Blut hat wie wir; aber nicht, was wir tun. Solches hätte er wohl von Anfang an tun können; aber er hat es nicht tun wollen, auf das er uns anzeigt, was für eine Liebe er zu uns hat, daß wir uns darüber freuen, trösten und rühmen können, daß wir einen Bruder im Himmel haben, diesen sollen wir mögen, ja, sollen ihn annehmen. Denn ein unseliger Mensch ist der, der ihn nicht annimmt, noch diese Freude in seinem Herzen fühlt.
So ist nun die Ursache, daß diese Geschichte jährlich gepredigt wird, auf das ein jegliches junges Herz sich solches vorhalte, und Gott dafür danke und spreche: Es hat keine Not mit mir; denn ich habe einen Bruder, der geworden ist wie ich bin. Warum er nun also geworden sei und was er dadurch habe ausrichten wollen, sage ich noch nicht. Denn darum ist’s geschehen, daß er uns errette von der Sünde und ewigen Tod. Aber ich will jetzt allein sagen von der Ehre des ganzen menschlichen Geschlechts, der wir uns mit der Wahrheit rühmen und fröhlich darüber sein sollen, daß der Sohn Gottes Mensch geworden ist. Solcher Ehre können sich alle Menschen rühmen. Die Christen aber haben danach ein Höheres, daß sie solcher Ehre auch in Ewigkeit genießen sollen. Dies Stück sollen wir aufs erste von dieser Geschichte merken.
Zum anderen dient dies treffliche hohe Beispiel uns auch dazu: Weil Christus, der Sohn Gottes, sich so demütigt, und alle seine Ehre an das arme Fleisch gewandt, und die göttliche Majestät, davor die Engel zittern, sich so herunter gelassen hat, geht daher wie ein armer Bettler; oben im Himmel beten ihn die Engel an, hier unten auf Erden dient er uns und legt sich in unseren Schlamm: weil nun, sage ich, der Sohn Gottes solches getan hat, so sollen wir auch lernen, ihm zu Lob und Ehren, gern demütig sein, und seinem Wort nach unser Kreuz auf uns nehmen, allerlei Trübsal leiden und ihm also folgen. Denn was kann es uns schaden, oder warum wollten wir uns des Leidens schämen? Weil unser lieber Herr gelitten hat Frost, Hunger und Kummer. Sonderlich aber ging es elendig und armselig zu, wie gesagt, da er auf Erden kam und geboren ward. Da weder Gefäß noch Stube, weder Kissen, Windel noch Bettlergewand; er mußte in einer Krippe liegen, vor den Kühen und Ochsen. So denn nun dein lieber Bruder, der König Himmels und der Erden und aller Kreatur, so elend sich daher legt; spuck du dich mal an, warum wolltest du so herrlich sein und nichts leiden? Wer bist du denn? Ist es nicht wahr, du bist ein armer Sünder, der du nicht wert bist, daß du auf einem Brette liegen solltest. Liegst aber auf einem weichem Bette; aber dein Herr auf hartem Stroh und in einer Krippe.
Ist dies nicht ein verdrießlicher Handel? Wir sehen hier, in was für einer Demut und Armut unser Herr Jesus liegt um unseretwillen; und wir wollen Könige sein, frei ausgehen und nichts leiden. Das will sich wohl übel reimen, wenn der Herr in solchem Elend und Armut, uns zu gut, geboren wird, dazu für uns am Kreuz stirbt; und wir faulen Narren wollten immerfort in guter Ruhe und Friede sitzen! Nein, daß reimt sich nicht: «Der Jünger ist nicht über seinen Meister, noch der Knecht über den Herrn» spricht Christus.
Darum sollen wir wohl lernen und mit Ernst bedenken, erstlich, zu was für Ehren wir gekommen indem, daß Christus Mensch geworden ist. Denn es ist eine solche Ehre, daß wenn einer ein Engel wäre, wünschen möchte, daß er ein Mensch wäre, daß er auch sich rühmen möchte: Mein Fleisch und Blut sitzt über allen Engeln. Darum sollten wir Menschen uns ja billig für selig halten. Gott gebe, daß wir es verstehen, zu Herzen nehmen und Gott dafür dankbar sind. Zum anderen sollen wir das Beispiel von Christus fleißig ansehen, was er, der ein Herr ist über alle Herren, in seiner ersten Zukunft uns armen Menschen bewiesen, und um unseretwillen gelitten hat. Solches würde uns bewegen und treiben, daß wir von Herzen auch anderen Leuten gerne helfen und dienen, ob es uns auch gleich sauer würde, und wir etwas darüber leiden müßten. Dazu helfe uns Gott mit seinem Heiligen Geist, durch unseren lieben Herrn Jesu Christum, Amen.

Am 1. Weihnachtstag

Wir haben zuvor die Geschichte gehört, wie Jesus Christus, Gottes Sohn, in diese Welt geboren ist und was wir daraus lernen sollen. Als nun solches zu Bethlehem geschehen, meldet der Evangelist, wie ein Engel vom Himmel zu einigen Hirten, die nahe dabei auf dem Felde bei ihren Herden waren, mit einem herrlichen, großen Licht kommen und von solcher Geburt den Hirten mit diesen Worten gepredigt habe:
Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt David. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegen. (Lukas 2, 10-12)
Das ist die erste Predigt von diesem geborenen Kindlein, unseren Herrn Jesu, welche von den Engeln vom Himmel zu uns auf Erden gebracht worden ist. Deswegen sie wohl wert ist, daß wir es mit Fleiß lernen, und uns ja davor hüten, daß wir nicht denken, wir könnten es auslernen. Denn ob man es gleich alle Jahre, ja, alle Tage predigt, so werden wir es doch hier auf Erden nicht zu Ende lernen können.
Es ist aber diese Engelpredigt sehr nötig gewesen: denn wenn Christus zwanzigmal geboren wäre, so wäre es doch vergebens gewesen, wenn wir nichts davon wüßten. Denn was ist es, daß einer einen Schatz im Hause oder Keller hat, da er nichts von weiß? Dieser Schatz wird ihm wenig Freude machen. Wie das Sprichwort heißt: ein verborgener Schatz ist ein unnützer Schatz, weil man über ihn hinläuft, wie über den Dreck auf der Gasse, den man nicht achtet. Also ist es hier mit dieser heiligen, freudenreichen Geburt auch. Wenn die lieben Engeln nicht davon gepredigt und solchen Schatz den Leuten nicht geoffenbart hätten, hätte niemand diesen Schatz begehren, viel weniger genießen, niemand wäre darüber froh geworden. Ursache, was einer nicht weiß, daß ficht ihn nicht an; es gibt wieder Lust noch Unlust, sondern ist, als wäre es nie gewesen oder sollte es nimmermehr etwas werden.
Darum ist dies der vornehmsten Stücke eins in dem heutigen gen Evangelium, daß der Engel mit seiner Predigt diese Geburt offenbart und zeigt uns diesen Schatz; daß wir nicht so vorüber gehen, den Schatz haben, und dennoch nichts davon wissen, uns weder darüber freuen noch trösten, und spricht: «Ich verkündige euch große Freude.»
Diese Worte sind sehr wohl gesetzt. Die Hirten sind über dem großen Licht und Glanz, als über einem ungewöhnlichen Ding, sehr erschrocken, daß Himmel und Erde in einem Augenblick die Nacht so hell als der Tag geworden ist. Solches sieht der Engel, spricht deswegen fröhlich an, und sagt: «Fürchtet euch nicht.» Als sollte er sprechen: Ihr habt kein Ursache, daß ihr euch fürchten sollt; daß ihr euch aber fürchtet, ist ein gewisses Zeichen, daß ihr von dem edlen, teuren Schatz noch nichts wisset, den euch Gott geschenkt hat; sonst würdet ihr euch nicht fürchten, ja, ihr würdet euch von Herzen freuen und guter Dinge sein. Denn eben darum bin ich gekommen, daß ich euch eine große Freude verkündigen soll, ein großes Werk und Wunderzeichen, welches, so ihr es recht in euer Herz bilden werdet, so werdet ihr guter Dinge darüber sein und eine große, überschwengliche Freude haben.
Daß es also den Engeln vornehmlich darum zu tun ist, daß er gern eine solche Predigt tun wollte, die da haften bleibt und nicht umsonst wäre, sondern ausrichtet, was sie soll. Darum sagt er nicht von einer schlechten, sondern von einer großen Freude und nötigen Sache.
Und das darum: denn der Teufel hat durch die Sünde uns Menschen sehr herunter geworfen, und einen schrecklichen Jammer angerichtet, daß wir nicht allein in der Erbsünde stecken und den ewigen Tod auf uns haben, sondern noch täglich in der Welt allerlei Unglück von ihm erwarten müssen; also, daß niemand einen Augenblick sicher ist, weder des Leibes noch des Gutes wegen, welches alles in einer Gefahr schwebet. Über solchen Jammer ist noch ein größerer, wie im Evangelium geschrieben ist, daß der Teufel in die Leute fährt, macht sie toll und töricht, daß man mit Wahrheit sagen kann, ein solcher Mensch sei nichts, denn ein stinkendes heimliches Gefäß des Teufels. So schändlich hat er durch die Sünde uns Menschen zunichte gemacht, daß wir hier auf Erden nicht einen Bissen Brot können mächtig sein, müssen danach recht auch Gottes Zorn und ewigen Tod tragen. Das lasse ein schrecklich, jämmerlich und greulich Teufelsreich sein.
Dennoch, wenn wir es recht bedenken und beides gegeneinander abwägen, so ist solcher Jammer, welchen wir vom Teufel haben, keineswegs der Herrlichkeit und diesem trefflichen Schatz und Freude zu vergleichen, da der Engeln hier von predigt, und sagt: «Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude, euch ist der Heiland geboren.» Mit solcher Predigt wollte der Engel gern unsere Herzen abwenden von allem solchen Teufelsjammer auf dies Kindlein; und meint, der hätte alsdann ein Werk eines christlichen Predigers ausgerichtet, wenn er uns dahin bringen könnte, daß wir diesen Heiland recht ansehen und als unser Fleisch und Blut erkennen lernten. Und es ist gewiß wahr: wenn es sein sollte oder könnte, daß dies fröhliche Bild in eines Menschen Herz recht ginge, so würde dieser Schatz allen gering sein, welchen wir vom Teufel haben, ob es gleich ein großer und ewiger Schade sei.
Wer nun den Teufel überwinden, sein Gift und Zorn verlachen und vor ihm sicher sein will; der muß es allein mit diesem süßen Anblick und Trost tun, wovon der Engel hier predigt und sagt: Euch ist der Heiland geboren. Wenn dieser Blick recht in das Herz fällt, so ist die Sache schon gewonnen. Denn da denkt der Mensch also: Der Teufel hat mich und alle Menschen geschändet und erwürgt, in Gottes Zorn und ewiges Urteil geworfen: aber so groß ist dieser Schade nicht; der Schatz, welchen mir Gott gegeben hat, ist noch größer, nämlich, daß Gott, mein Herr, nicht das menschliche Geschlecht besitzt, wie der Teufel pflegt die Menschen zu besitzen; sondern er selbst wird wahrer Mensch, daß also aus Gott und menschlicher Natur eine Person wird. So nahe kann der Teufel einem Menschen nicht kommen. Denn ob er gleich einen Menschen besitzt, so bleibt doch der Mensch Mensch, der Teufel Teufel, und so sind zwei unterschiedliche Personen und Naturen. Dagegen ist nun der Sohn Gottes Mensch geworden, daß ich mit der Wahrheit sagen kann: Dieser Mensch ist Gott, und Gott ist Mensch.
Deswegen hat sich unser lieber gnädiger Gott im Himmel viel näher zu uns getan und ist viel tiefer in unser Fleisch gekommen, denn als der Teufel hineinkommen kann. Der mag einen Menschen besitzen und martern, aber er kann nicht ein persönlicher Mensch werden, die Naturen bleiben immer geschieden, nicht allein nach dem Wesen, sondern auch in der Person. Solches aber ist hier eins, der Sohn Gottes ist unser Fleisch um Blut, von Maria, der Jungfrau, geboren, natürlicher Weise, wie ich und du, ausgenommen, daß er ohne männlichen Samen vom Heiligen Geist empfangen, und das Gift des leidigen Teufels nicht mit hat angenommen, sondern hat ein ganz und gar rein unschuldig Fleisch und Blut. Außer diesem einigen Stück, daß unser Fleisch und Blut unrein und sündig ist, ist er ein Mensch wie ich und du, er hat essen müssen, trinken, schlafen, aufwachen, wie andere Menschen von Natur aus tun müssen, wie Paulus sagt: «Der ist erfunden wie ein Mensch»; dass wer ihn gehört oder gesehen, hat müssen sagen: Das ist ein wahrhaftiger natürlicher Mensch, kein Gespenst. Denn er hat alle Art dieses Lebens an sich.
Das ist die Freude, da der Engel von sagt. Ich rede aber jetzt nur allein von der Ehre, der wir uns freuen sollen, noch nicht von der Frucht, von welcher man predigt, wenn man von seinem Leiden und Auferstehen predigt. Jetzt sagen wir allein von der Ehre, daß Gott uns so nahe geworden ist, daß er unser Fleisch und Blut, und ein persönlicher Mensch ist, wie ich und du sind, allein das ausgenommen, daß er ohne alle Sünde ist. Mit dieser unaussprechlichen Ehre hat er das menschliche Geschlecht geziert. Das wollte der Engel den Leuten gern einbilden und spricht: «Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.»
Der ist fröhlich und guter Dinge darüber, brennt und springt vor lauter Freude, schämt sich der armen Hirten nicht, daß er ihnen predigen soll, sondern ist guter Dinge darüber, und wollte gern, daß jedermann solches zu Herzen ginge, wie ihm, und alle Menschen solche große Ehre erkennen lernten, daß die menschliche Natur zu der Herrlichkeit gekommen ist, daß der Sohn Gottes, durch welchen alles erschaffen ist, die hohe Majestät, unser Fleisch und Blut geworden ist.
Denn da wäre nicht wunder, wenn wir gleich sonst nichts davon hätten, daß wir Menschen unter einander uns so lieb gewinnen sollten, daß eines das andere vor Liebe, wie man sagt, fressen sollte. Ich rede aber noch nicht von dem Nutzen und Brauch, sondern allein von der Ehre. Wenn dieselbe uns recht zu Herzen ginge, da sollten wir nie einem Menschen feind sein können. Ursache, wer wollte doch dem Bild feind sein oder Böses tun, das Leib und Seele hat, wie mein und dein Gott? Sollten wir nun nicht um solcher Ehre willen, die Gott uns bewiesen hat, alle Menschen auch lieben und ihnen alles Gute tun?
Die Engel sind eine viel herrlichere Kreatur denn wir Menschen; das hat Gott nicht angesehen. Gott ist nicht ein Engel geworden. Dazu sind die Engel auch unschuldige und heilige Geister, die nicht gefallen sind, wie die anderen Engel und wir armen Menschen. Da läßt es sich ansehen, als wäre es billiger gewesen, daß Gott ein Engel sollte geworden sein. So fährt er zu, nimmt die geringe, arme Kreatur an, die in Sünden steckt, in des Teufels Reich und unter des Todes Gewalt ist, die der Teufel auf das äußerste plagt und schändet. Das heißt ja tief sich zu uns herunter gebeugt. Sollte denn uns solches nicht erweichen, daß wir mit aller Brunst unter einander uns lieb hätten, alle Freundschaft und Dienst unter einander beweisen, nicht so unter einander verachten, neideten?
Wenn unter vielen Brüdern einer zum großen Herren wird, wie froh werden die anderen Brüder? Wie können sie sich so hoch trösten? Wie man an Josef seinen Brüdern im ersten Buch Mose sieht, da er sich ihnen zu erkennen gibt. Und ist wahr, solches ist eine natürliche Freude. Wie kommt es aber, daß wir uns dieser unaussprechlichen Ehre und Herrlichkeit nicht auch freuen, daß sie uns nicht zu Herzen gehen will, wir Gott nicht darum loben und danken, daß mein Gott mein Fleisch und Blut geworden, und jetzt droben sitzt zur rechten Hand Gottes, ein Herr über alle Kreatur?
Der solches recht in sein Herz fassen könnte, der sollte ja um des Fleisches und Blutes willen, daß droben zur rechten Gottes ist, alles Fleisch und Blut hier auf Erden lieb haben, und keinem Menschen mehr zürnen können. Daß also die zarte Menschheit Christi, unseres Gottes, mit einem Anblick alle Herzen billig fröhlich und freundlich machen sollte, es und mit Freude so erfüllen, daß nie mehr ein zorniger Gedanke da sein möchte also, wer in seinem Herzen dies Bild wohl gefaßt hätte, daß Gottes Sohn ist Mensch geworden, der sollte sich nie vom Herrn Christus etwas Böses, sondern nur etwas Gutes erhoffen. Denn ich weiß ja wohl, daß ich nicht gern mit mir selbst zürne, noch mir Arges begehre zu tun. Aber ist Christus eben der, der ich bin, ist auch ein Mensch; wie kann er es denn mit sich selbst, das ist, mit uns, die wir sein Fleisch Blut sind, übel meinen? Also würde solches Bild, wo es recht im Herzen wäre, in einem Augenblick alle greulichen Beispiele des Zornes Gottes verschmelzen, als da ist, die Sintflut, die Strafe von Sodom und Gomorra. Solches alles müßte in dem einigen Bild verschwinden, wenn wir denken an diesen einigen Menschen, der Gott ist, und die arme menschliche Natur so geehrt hat, daß er ist ein Mensch geworden.
Sind aber das nicht unselige Leute, wie gesagt, die solches hören, und achten es dennoch nicht, sondern lassen solchen Schatz liegen, denken nur, wie sie den Kasten mit Geld füllen, schöner Häuser bauen und große Pracht führen mögen? Solches kommt daher, daß der leidige Teufel die Herzen blendet, daß sie gar keinen Blick von solcher Freude, da der Engel hiervon predigt, sehen können.
Dies ist nun ein Stück, daß uns bewegen sollte zu großer Freude und seliger Hoffart, daß wir also geehrt sind über alle Kreatur, auch über die Engel, daß wir nun können mit der Wahrheit rühmen: Mein Fleisch, mein Blut sitzt zur Rechten Gottes und regiert über alles. Solche Ehre hat keine Kreatur, kein Engel nicht, es sie mein Fleisch und Blut aber hat es. Das sollte doch wohl allein schon ein Backofen sein, wo unser Herz drin schmelzen, und eine solche Brunst unter uns Menschen anrichtete, daß wir von Herzen einander liebten. Aber da hat, wie gesagt, der leidige Teufel sein Gespenst, daß wir es in der Kirche hören, danach nicht weiter daran denken, sondern bald vergessen. Das verdirbt uns diese Freude mit anderen Sorgen, auf das wir dies Bild nicht in unser Herz einschließen, wie wir sollten. Wenn wir nun nicht mehr denn diese Ehre hätten, so sollten wir vor Freuden springen und tanzen.
Nun aber über diese natürliche Ehre und Freude ist noch dies dabei, daß er, der Mensch Jesus, auch unser Heiland sein will. Das ist aller erst das rechte Stück und größte Ursache, daß wir sollen fröhlich sein. Daher sind es unselige Leute, die davon nicht hören noch wissen. Aber wie zuvor gesagt, viel unseliger sind die, die es hören und wissen, und doch nicht achten. Denn diese Worte sollten Himmel und Erde zerschmelzen, und uns aus dem Tode eitel Zucker, und aus allem Unglück, welches doch unzählig ist, eitel köstliche Perlen machen. Denn welcher Mensch ist, der dieses alles ausdenken kann, daß uns ein Heiland geboren ist? Solchen Schatz gibt der Engel nicht allein seiner Mutter, der Jungfrau Maria, sondern uns Menschen allen. «Euch, euch,» spricht er, «ist der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.»
Der Engeln redet mit den Hirten; die waren Juden und kannten das Wort «Christus» in ihrer Sprache sehr wohl, daß es heiße einen König und Herrn. Aber da irrte der meiste Teil der Juden, daß sie dachten, er würde ein Herr und Heiland im leiblichen Regiment sein. Das war die Meinung nicht. Der Engel sieht auf ein Höheres, da er spricht: «Euch ist der Heiland geboren»; als wollte er sagen: Ihr seid bisher des Teufels Gefangene gewesen, der hat euch geplagt mit Wasser, Feuer, Pest, Schwert, und wer kann die Unglücke alle erzählen? Da liegt ihr armen Menschen unter seiner Tyrannei. Die Seele verführt er mit Lügen, das ist unzählig mehr schädlicher, denn alle Pestilenz dem Leib sein kann. So hat der arme, dürftige, schwache Leib auch keine Ruhe vor ihm. Wenn er nun Seele und Leib so geplagt hat, so steckt noch der ewige Tod dahinter. Euch nun, spricht der Engel, euch, die ihr mit Seele und Leib unter solchem schädlichen, bösen, giftigen Geist, der der Welt Fürst und Gott ist, gefangen liegt, ist der Heiland geboren.
Das Wörtlein «euch» sollte uns ja fröhlich machen. Denn mit wem redet er? Mit Holz oder Steinen? Nein, sondern mit Menschen, und nicht mit einem oder zwei allein, sondern mit allem Volk. Was wollen wir nun daraus machen? Wollen wir auch weiter zweifeln an der Gnade Gottes und sprechen: Über den Heiland mag sich wohl St. Peter und St. Paul freuen; ich darf es nicht tun, ich bin ein armer Sünder, dieser edle, teure Schatz geht mich nicht an? Lieber, wenn du es so willst sagen: Er ist nicht mein; wessen ist der dann? Ist der um der Gänse, Enten oder Kühe willen gekommen? Denn du mußt hier sehen, wer er sei. Hätte er wollen einer anderen Kreatur helfen, so wäre er dieselbe Kreatur geworden. Aber ist allein eines Menschen Sohn geworden.
Nun, wer bist du? Wer bin ich? Sind wir nicht Menschen? Ja. Wer soll sich denn dieses Kindleins annehmen, eben die Menschen? Die Engel dürfen nicht, die Teufel wollen sein nicht. Wir aber dürfen sein, unseretwillen ist er Mensch geworden. Deswegen gebührt es uns Menschen, daß wir mit Freuden uns seiner annehmen, wie der Engel hier sagt: «Euch ist der Heiland geboren.» Um kurz davor: «Ich verkündige euch große Freude, welche allem Volk widerfahren wird.» Ist es nicht ein großes, herrliches Ding, daß ein Engel von Himmel solche Botschaft den Menschen bringt? Und danach so viel tausend Engel so fröhlich darüber sind, wünschen und predigen, daß wir Menschen auch sollen fröhlich sein und solche Gnade mit Dank annehmen, wie wir hören werden.
Darum ist es ein trefflich, teures Wort, daß wir hier hören: «Euch ist der Heiland geboren.» Als wollte der Engel sagen: Diese Geburt ist nicht mein, darf mich ihrer nicht annehmen, ohne daß ich es euch von Herzen gerne gönne. Aber euer ist’s, die ihr arme, verdorbene und verlorene Menschen seid. Diesen ist er ein Heiland geworden. Darum nehmet ihn an, ihr bedürfet solchen Heiland, so euch von Sünden und Tod sollte geholfen werden. Jenes, davon zuvor gemeldet ist, ist an sich selbst ein herrlich, großes Ding, daß Gott ist ein Mensch geworden. Aber dies ist weit darüber, daß er soll unser geistlicher und ewiger Heiland sein. Wer solches recht fühlt und glaubt, der würde davon zu sagen wissen, was eine rechte Freude wäre, ja, sollte nicht lange vor großer Freude leben können. Aber, wie am Anfang gesagt, wir werden diese Predigt hier auf Erden nicht völlig fassen, noch auslernen können. Dies Leben ist zu eng, so sind unsere Herzen zu schwach dazu. Sonst wenn es möglich wäre, daß es ein Herz recht annehmen könnte, müßte es vor Freude zerspringen, würde auch nimmermehr keinen traurigen Gedanken fühlen.
Es sollte, wenn wir glaubten, und zum wenigsten diese Frucht daraus folgen, daß wir freundlich unter einander leben würden, aufhörten mit Lügen und Trügen und allerlei Unrat, um des Bildes willen, daß Gott selbst ist ein Mensch geworden. Aber da sieht man, wie schwach es mit uns fortgeht, daß diese Freuden nicht recht ins Herz will, und wir beide, der Predigt des lieben Engels und des Heilands, vergessen, und der meiste Teil der Menschen dem alten Geiz und anderen nachgehen. Welches ein gewisses Zeichen ist, daß wir solche Predigt nicht fest, oder ja schwach glauben, sonst würden wir fröhlich sein, uns nicht bekümmern, wenn wir glaubten, daß wir einen solchen Heiland hätten. Wie sollte wohl ein Mensch sich freuen wenn die Glocken bei seinem Sterben läuten, wenn er eine gewisse Arznei gegen diesen Tod hätte! Solche Freude würde man fühlen, daß sie von Herzen ginge. Aber hier, der wir eine gewisse Versicherung gegen Sünde und den ewigen Tod haben, freut sich niemand, oder nur wenige. Der meiste Haufe sucht eine andere Freude, daß er hier Friede, Ruhe und gutes Leben habe, und ist sich doch keines Augenblicks hier sicher. Das ist ein Zeichen, daß wir diese freudenreichen Predigt, gleich als im Schlaf, hören, bleiben heillose Leute, die den Schatz vor Augen haben und achten sein doch nicht.
Wer nun also geschickt ist, daß er solches hört und keine Freude davon empfindet, der mag sich wohl für einen unseligen Menschen achten. Denn was will doch ein Herz fröhlich machen, wenn es sich dessen nicht freuen, davon der Engel hier sagt: «Euch ist der Heiland geboren»? Wer sich nun dieser Predigt nicht bessern und frömmer werden will, wem dieser Schatz nicht schmecken und dies Feuer das Herz nicht erwärmen will, den mag der Henker frömmer machen, sonst ist ihm nicht zu helfen. Darum so lerne es für ein böses Zeichen zur achten, wo du dich dermaßen so kalt und erstarrst befindest, und bitte ja Gott von Herzen um seine Gnade, daß er durch seinen Heiligen Geist dir dein Herz ändern und helfen wolle.
Daß der Engel aber weiter meldet, er sei geboren, dieser Heiland, in der Stadt David, und nennt ihn Christum, den Herrn: mit den Worten weist er uns in die Schrift. Denn also war durch den Propheten Micha zuvor geweissagt, er sollte zu Bethlehem geboren werden.
Besonders aber heißt der Engel das Kindlein Jesum einen Herrn. Solches sollen wir nicht verstehen, als würde er ein weltlicher König sein, der sich als ein Tyrann erzeigen würde und mit der Keule dazwischen schlagen. Nein, sondern wie Gott zu Adam spricht: «Des Weibes Same soll der Schlange den Kopf zertreten»; und des Teufels Feind, aber unser Herr und Erlöser sein wolle, der mich und dich für das Seine ansprechen und als die Seinen vom Teufel abfordern wolle, und ihm sagen: Gib mir diesen her, den du gefangen hältst; er ist nicht dein, sondern mein eigen Geschöpf, den ich nicht allein erschaffen, sondern auch mit meinem Leib und Blut erkauft habe; darum lasse ihn fahren und gib ihn mir wieder, denn er steht mir zu. Das also Christus ein tröstlicher Herr sei, der dem Teufel in das Regiment mit Gewalt greife, und das Seine zu sich nähme; der ihm unter die Augen trete und sagen: Du verfluchter Geist hast sie geführt in die Sünde und Tod, du betrügst und belügst sie, und sind doch nicht dein; ich bin der Herr, dem es nicht allein von Natur, sondern auch von Rechts wegen gebührt, und dir nicht, daß ich über die Menschen regieren soll, denn sie sind mein verdientes Gut.
Ja, sprichst du, hat doch der Sohn Gottes die Engel nicht erlöst, wie kann man denn das Wörtlein Herr also deuten? Antwort: Gegen uns hat solches Wörtlein keinen anderen Verstand, und ist recht also gedeutet. Aber weil der Engel einfach hin redet, und dem Kindlein Jesus einen so hohen Titel gibt, und Herr nennt, so ist es eine gewisse Anzeigung, daß dies Kindlein, von Maria der Jungfrau leiblich geboren, natürlicher, wahrer, ewiger Gott sei, sonst würde der Engel ihn bestimmt nicht Herr heißen.
Unser Heiland ist er, und der Engel nicht, wie der Engel hier klar sagt: «Euch ist der Heiland geboren.» Aber ist nicht allein unser Herr, sondern auch der Engel Herr; die sind nun mit uns und wir mit ihnen dieses Herrn Hausgesinde, zählen sich unter diesen Herrn zugleich mit uns, daß wir Menschen, die wir zuvor des Teufels Knechte waren, durch dies Kindlein zu solchen Ehren kommen, daß wir nun in der Bürgschaft der lieben Engeln angenommen sind. Die sind jetzt unsere besten Freunde, daß wir uns mögen rühmen um dieses Kindleins willen, daß wir mit den Engeln und sie mit uns einen einigen Herrn haben, einerlei Hausgesinde miteinander sind.
Wie viel mehr will sich’s nun gebühren, daß wir auch Gott dafür danken und loben, und unter einander auch lieben und Dienst beweisen, wie der Sohn Gottes uns bewiesen hat, der unser Fleisch und nächster Freund geworden ist. Wer aber solches nicht achten, den Nächsten nicht auch so lieben und ihm helfen will, dem ist, wie ich oben gesagt habe, nicht zu helfen.
Das ist die erste Predigt nach Christi Geburt von diesen Kindlein, die geht nun durch die Welt durch und durch, bis an der Welt Ende. Darum sollt ihr fleißig merken; denn hier steht, wie die lieben Engel unsere Freunde geworden, und mit der fröhlichen Botschaft zu uns gekommen sind, und gesagt: Wir sollen uns nun nicht mehr fürchten, weil das Kindlein uns geboren ist und unser Heiland sein will. Dies ist der rechte, höchste und beste Trost, da man Gottes Gnade und Barmherzigkeit ganz gewiß dran prüfen kann, daß Gott, der allmächtige, ewige Vater, sich über uns erbarmt, und uns seinen Sohn gegeben hat auf eine so freundliche Weise, durch ein zartes, kleines, junges Jungfräulein, den legt er in ihren Schoß hinein, und läßt uns predigen: Er sei unser Heiland; was uns mangelt, daß sollen wir an ihm finden; er wolle unsere Hilfe und Trost sein, daß von nun an zwischen Gott und uns aller Zorn aufgehoben und nur lauter Liebe und Freundlichkeit sein soll.
Da denke du nun, ob Gott denen unrecht tue, wenn er sie gleich ewig verdammt, die solches hören und sich doch solches nicht annehmen, wie die blinden verstockten Katholiken tun, die sich an diesem Heiland nicht genug sein lassen, suchen sich andere Heilande, darauf sie sich verlassen. Des Engels Predigt lautet anders, nämlich, daß dies Kindlein allein unser Heiland sei, an dem wir allein allen Trost und Freude haben sollen, als an dem höchsten Schatz; wo der ist, da sehen alle Engel und Gott selber hin.
Solchen Schatz aber legt er nicht allein der Mutter in den Schoß, sondern mir und dir, und sagt: Er soll dein eigen sein, sollst sein genießen, und alles, was er hat, im Himmel und auf Erden, daß soll dein sein. Wer nun solches hört, doch keine Freude davon hat, oder diesen Heiland fahren läßt und sucht einen anderen, der ist wert, daß ihn der Donner neun Ellen unter die Erde schlage. Deswegen sollen wir Gott um seine Gnade danken und bitten, daß er diese Engelpredigt selbst in unsere Herzen reden und schreiben wolle, auf das wir uns dieses Heilandes recht trösten und durch ihn Tod und Teufel überwinden mögen. Das helfe uns unser lieber Herr und Heiland Christus, Amen.

Quelle: projekt.gutenberg.de /
Martin Luther: Predigten durch ein Jahr – Kapitel 29 + 30