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Interview mit Kristina Wottrich



Redaktion: Frau Wottrich, Sie sind Integrationsbeauftragte und Koordinatorin der Initiative „Willkommen in Halstenbek“ der Gemeinde Halstenbek und als solche durch Ihren Artikel im Gemeindebrief 2/2019, der Teilnahme am Ökumenischen Gesprächsforum, Sommerfest der Kulturen und der Frühstücksrunde in der Arche Noah bekannt. Wie sind Sie zu dieser verantwortungsvollen Tätigkeit gekommen?
Kristina Wottrich: 2018 stand ein Umzug in meine Heimatregion, in den Norden unserer Republik, an. Bei der Suche nach einem passenden Job in der Region hat – so habe ich es empfunden – die Stelle der Integrationsbeauftragen und Ehrenamtskoordinatorin hier in Halstenbek meinen Namen „gerufen“. Die zu erfüllenden Kriterien brachte ich mit. Auch die Arbeit in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe kannte ich aus erster Hand sehr gut, da ich mich kurz vor dem Umzug nach Hamburg selbst in Köln als Ehrenamtliche engagiert hatte.

Welche Ausbildung haben Sie hierfür gehabt?
Mit dem Thema Flucht und Asyl beschäftigte ich mich schon seit fast einem Jahrzehnt. Zunächst auf wissenschaftlicher Ebene, z.B. legte ich meinen Schwerpunkt im Masterstudium auf Migrationsstudien und forschte im Rahmen einer Anstellung an einer Universität als Wissenschaftlerin zum Thema Asyl. Anschließend war ich in Köln Referentin für Migration und Flucht bei einem Arbeitgeber, der der Caritas nahestand. Neben den formalen Qualifikationen bringe ich ein persönliches Interesse am Thema Flucht und Migration mit, das durch meine Biografie geprägt wurde: Seit ich 16 war, hatte ich das Glück zahlreiche längere Auslandserfahrungen zu machen. Dabei war ich selbst temporär quasi Migrantin. Daher kenne ich das Gefühl, in einem fremden Land zurechtzukommen und eine neue Sprache lernen zu müssen – fernab von der Familie und dem gewohnten Umfeld. Diese Art der privilegierten, selbstgewollten Migration kann zweifellos nicht mit einer erzwungenen Fluchtmigration verglichen werden. Dennoch kann ich dadurch die Situation von Geflüchteten sicherlich ein kleines Stück nachempfinden und bringe womöglich auch aus diesem Grunde den Menschen in meinem Berufsalltag meistens viel Empathie entgegen. Außerdem gab es bei meinen Großeltern auch Fluchtmigration aus Ostpreußen. Schon als Kind interessierten mich ihre Berichte über die Flucht in den Nord-Westen und über das „Ankommen“ in einer fremden Umgebung und einem neuen gesellschaftlichen Umfeld. Möglicherweise wuchs schon damals mein Wunsch, Menschen zu unterstützen, die vor Startschwierigkeiten und Herausforderungen in einer neuen bzw. fremden Gesellschaft stehen – ähnlich wie die Herausforderungen, vor denen nach Kriegsende meine Großeltern sowie vielleicht auch einige Leser/innen dieses Gemeindebriefes standen.

Was sind Ihre Aufgaben und wer gehört zu Ihrer Zielgruppe?
Meine Aufgaben und Zielgruppen sind sehr vielfältig und das ist das Großartige an meiner Arbeit! Meine Arbeit erfordert, dass man sich ständig in andere Themen reindenken und in andere Menschen hineinversetzen muss. Diese Abwechslung macht Freude! Zu meinen Aufgaben gehört z.B. die Unterstützung von Geflüchteten und sonstigen hilfebedürftigen Personen in Halstenbek (z.B. bei der Alltagsbewältigung), indem ich als direkte Ansprechpartnerin fungiere. Des Weiteren darf ich viele Veranstaltungen und Projekte planen und umsetzen – das mache ich häufig in Zusammenarbeit mit aktiven, tatkräftigen Ehrenamtlichen, einigen Geflüchteten oder gemeinsam mit anderen Kolleginnen.
Des Weiteren koordiniere ich die ehrenamtliche Initiative „Willkommen in Halstenbek“. Ich bin ansprechbar für alle Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe, leite beispielweise Informationen und Tipps weiter und organisiere Austauschtreffen für Ehrenamtliche.

Wie ist z.Z. die Situation der Flüchtlinge in Halstenbek? Wieviele sind es insgesamt?
Aktuell leben rund 330 erwachsene und minderjährige Geflüchtete in Halstenbek, die aus circa 17 unterschiedlichen Herkunftsländern stammen. Dabei sind Personen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak und dem Iran weiterhin am stärksten vertreten. Nachdem im Jahr 2018 die Zuzugszahlen sanken, stiegen im Jahr 2019 hingegen die Zuzugszahlen von Geflüchteten wieder. In den letzten Monaten des Jahres 2019 wurden der Gemeinde Halstenbek auch Asylsuchende aus Ländern wie der Türkei und Nigeria zugewiesen. Die Zuzugszahlen sind jedoch nicht vergleichbar mit denen der Ausnahmejahre von 2015 oder 2016. Aktuell finden auch viele Familienzusammenführungen statt, v.a. bei Syrer/innen. Das sind häufig sehr emotionale Momente. Schließlich kommen dann Ehepartner wieder zusammen, die mehrere Jahre aufgrund der räumlichen Trennung erzwungenermaßen sehr verschiedene Leben geführt haben.

Welche Unterstützung benötigen sie? Was will und kann die Initiative „Willkommen in Halstenbek“ bewirken? Wie ist diese entstanden?
Die Initiative „Willkommen in Halstenbek“ hat sich 2015/2016 im Kontext der damals steigenden Antragstellerzahlen gebildet. In Halstenbek zeigte sich eine engagierte Zivilgesellschaft, die mit Gemeinschaftsgeist und willkommen heißend auf die Ankunft vieler Geflüchteter reagiert hat. In unserer Gemeinde entstanden schnell und ad hoc hervorragend funktionierende ehrenamtliche Hilfsangebote – die Bürgerinnen und Bürger legten also engagiert plötzlich „Hand an“ und halfen den neuen Nachbar/innen. Aus dieser zunächst eher spontanen Form hat sich 2015 die Gruppe bzw. Initiative „Willkommen in Halstenbek“ gebildet. Was die geflüchteten Menschen betrifft, die bereits ein paar Jahre in Halstenbek leben, haben sich bei der Mehrzahl ausreichende bis sehr gute Sprachkompetenzen und bei vielen Personen ein nahezu „normaler“ Alltag im Beruf, Job oder Ausbildung eingestellt. Dass viele der geflüchteten Personen, die mit der großen „Welle“ von 2015/2016 zu uns kamen, heute so gut zurechtkommen, kann ganz eindeutig mit den Angeboten und der Unterstützung der Ehrenamtlichen hier in Halstenbek in Verbindung gebracht werden! Wenn alteingesessene Halstenbeker/innen die neuankommenden Menschen zu Beginn ein wenig „an die Hand nehmen“, ist das Ankommen einfach leichter.
Dann gibt es die Personen, die gerade kürzlich der Gemeinde Halstenbek zugewiesen worden sind und diejenigen, die in den folgenden Monaten zu uns kommen werden. Diese Personengruppe steht vor den gleichen Herausforderungen, vor denen auch die Menschen standen, die 2015/2016 kamen.
Für diese Personen suchen wir aktuell auch Unterstützer/innen, damit das Ankommen in Gesellschaft, Sprache und – bestenfalls – Ausbildung oder Job genauso gut funktioniert, wie bei vielen geflüchteten Personen, die 2015/2016 zu uns in die Gemeinde kamen.

Ein sehr wichtiger Teil der Willkommenskultur sind die ehrenamtlichen „Paten“. Welche Aufgaben fallen da an und wer kommt dafür infrage? Suchen Sie noch „Verstärkung“?
Richtig, die „Paten“ – auch Ansprechpartner/in, Betreuer/in oder schlicht „Freund/in“ genannt – erfüllen sehr wichtige Aufgaben in unserer Willkommenskultur. Dabei dient eine ehrenamtliche Person als Ansprechpartner/in für eine geflüchtete Person oder Familie und unterstützt z.B. bei der Anmeldung zum Deutschkurs oder bei der Wohnungs- oder Ausbildungsplatzsuche. Diese Art der engen Beziehung empfinden meistens alle Beteiligten als bereichernd: Die geflüchtete Person hat hier in der neuen Umgebung eine Vertrauensperson, die ihnen hilft, die Hürden des Alltags zu meistern. Für den aus Halstenbek stammenden Ansprechpartner/in ist es schön, über andere Länder und Kulturen zu erfahren und Integrationsfortschritte zu begleiten. Übrigens haben wir auch schon Fälle in Halstenbek, bei denen – nach einigen Jahren einer vertrauensvollen „Patenschaft“ – die Geflüchteten zurückgeben, und Geflüchtete bspw. ihre ehemaligen Paten nun mehr unterstützen, z.B. im Krankheitsfall, als andersherum. Aber: Wir brauchen definitiv Verstärkung, d.h. wir sind auf der Suche nach Personen, die Lust haben, den eben erwähnten in den letzten Monaten neu zugezogenen Personen beim aus-dem-Weg-räumen von Startschwierigkeiten zu helfen.

Wie funktioniert die Verständigung? Gibt es Sprachschwierigkeiten?
Einige Geflüchtete bringen rudimentäre Deutschkenntnisse mit. Sie kommen ja schließlich im Regelfall nicht unmittelbar aus dem Herkunfts- oder Transitland, sondern haben meist vor der Ankunft in Halstenbek schon einige Wochen oder Monate in Schleswig-Holstein gelebt. Außerdem bringen einige ebenfalls rudimentäre und einige Personen recht fortschrittliche Englischkenntnisse mit. Die meisten Geflüchteten entwickeln jedoch innerhalb kürzester Zeit Deutschkompetenzen, die ihnen erlauben sich verständlich machen zu können. Bei wichtigen Angelegenheiten arbeite ich mit professionellen Sprachmittler/innen. Die meisten Ehrenamtlichen, die „nah“ dran an einer bestimmten geflüchteten Person oder einer geflüchteten Familie sind – wie beispielsweise die eben erwähnten Paten - entwickeln eine Art „gemeinsame Sprache“. Das ist meistens eine Mischung aus Basis-Deutschkenntnissen, rudimentärem Englisch, Gesten („Händen und Füßen“) und digitalen (Handys)- Sprachübersetzungsprogrammen. Oder es wird kurzerhand ein Verwandter in die Kommunikation eingebunden, der besser Deutsch spricht. Vor Sprachschwierigkeiten sollte man sich also nicht fürchten, wenn man an einem Ehrenamt interessiert ist, das wird schon klappen!

Wollen Sie weitere Aktivitäten (wie z.B. das Internationale Frauenfrühstück oder die Fahrradwerkstatt) entwickeln?
Was mich persönlich betrifft, muss ich an dieser Stelle sagen, dass ich leider zu Ende März meine Arbeit in Halstenbek beenden werde. Vor meinem Weggang haben meine Kolleginnen – Frau Kerbel von der Migrationsberatung der Diakonie und die Gleichstellungsbeauftragte Frau Letzgus – und ich für den 8.3.2020 noch eine schöne Veranstaltung geplant. An dem Tag ist Internationaler Frauentag und wir werden ab 15 Uhr ein interessantes Event mit zugewanderten Frauen im Jugendzentrum JubA23 in der Bahnhofstraße 22 veranstalten. Dazu sind Sie alle herzlich eingeladen. Für weitere Informationen zu diesem Event bitte auf Hinweise im Pinneberger Tageblatt und auf der Webseite der Gemeinde Halstenbek achten.
Wenn Sie sich einen weiteren Einblick von der Willkommenskultur machen wollen, dann notieren Sie sich doch gern den 13.6.2020. An dem Datum findet das Sommerfest der Kulturen statt!
Die vornehmlich von Ehrenamtlichen organisierten und getragenen Angebote, wie beispielsweise die Fahrradwerkstatt und die Sprachcafés werden sicherlich auch weiterhin mit viel Engagement angeboten werden.

Zum Schluss vielleicht noch einige persönliche Angaben.
Meine Arbeit in Halstenbek war unheimlich Freude bringend und ich hätte sie gern noch fortgeführt. Nun werde ich meinem Partner in sein Heimatland nach Schweden – genauer: nach Göteborg – folgen und mich dort neuen beruflichen Wegen widmen. Auf diesem Wege möchte ich auch nochmal allen Ehrenamtlichen, Kolleg/innen, Geflüchteten und allen Personen, mit denen ich im Kontakt stand, vielen Dank sagen für die herzliche Aufnahme in der Gemeinde Halstenbek und die gemeinsamen Erlebnisse! Bedanken möchte ich mich auch für die interessanten und freundlichen kirchlichen Gesprächsformate, zu denen ich als Referentin eingeladen worden bin, wie etwa zum ökumenischen Gesprächsforum, beim Seniorenfrühstück und bei der Frauenzeit.
Ich hoffe, dass sich in den letzten Wochen meiner Amtszeit Personen an mich wenden, die sich für ein Ehrenamt interessieren. Ich bin mir sicher, dass Ihnen zukünftig meine – noch nicht bekannte – Nachfolger/in ebenfalls als kompetente Ansprechpartner/in zur Seite stehen wird.
Die aktiven Ehrenamtlichen sind glücklicherweise kontinuierlich und mit hoher Selbstorganisation bei der Sache. Von daher bin ich zuversichtlich, dass in Halstenbek auch in Zukunft die Willkommenskultur weitergetragen und gelebt wird.

Für ihren weiteren Lebensweg wünschen wir Frau Wottrich alles Gute und Gottes Segen!

Das Interview führte Klaus Badewitz.