Evangelisch
Katholisch
Impressum&Datenschutz

Schwerpunkt: Resilienz



Was trägt dazu bei, dass Menschen Krisen gut überstehen können?
Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Resilienz“


Wie kommt es, dass manche Menschen es schaffen, selbst große Schicksalsschläge gut zu überstehen? Der Verlust des Arbeitsplatzes, eines Teils der Gesundheit, eines Menschen, ein Unfall oder ein traumatisches Erlebnis wie ein Überfall scheint einige Menschen zwar zeitweise zu beeinträchtigen, doch sie schaffen es, weiter zu leben und nach vorn zu schauen. Manche Menschen gehen sogar gestärkt aus Krisen hervor.

Da die derzeitige Krise mit Einschränkungen und Verlusten einher geht, ist diese Frage ganz aktuell. Die Forschung beschäftigt sich damit schon seit einigen Jahren. Dieses Phänomen wird „Resilienz“ genannt. Der Begriff wird auf das lateinische Wort „resilire“ zurückgeführt, was so viel wie „abprallen“ oder „zurückspringen“ bedeutet.

Denn Resilienz ist eine Art Fähigkeit oder Haltung, die es manchen Menschen ermöglicht, nach schweren Erlebnissen dennoch unerwartet stabil weiter zu leben, während andere Menschen über Jahre mit den Auswirkungen von Schicksalsschlägen zu kämpfen haben. Menschen, die resilient sind, vergleicht die Theologieprofessorin Cornelia Richter mit einem Stehaufmännchen das seine gewohnte Haltung bald wieder einnehmen kann. Wer wünscht sich so eine Fähigkeit nicht auch für sich selbst? Wie gelingt es, resilient zu werden?

Etwa vor 40 Jahren begannen Wissenschaftler, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Damals wurde eine Langzeitstudie gemacht, bei der fast 700 Kinder auf einer hawaiianischen Insel besonders beobachtet wurden. Diese Kinder lebten dort in Armut und wurden vernachlässigt. Ihr Leben war von Gewalt geprägt. Von vielen wurden diese Kinder abgeschrieben, nach dem Motto: „Die haben doch keine Chance“. Zum Erstaunen der Untersuchenden hat es jedoch ein Drittel der Kinder geschafft, sich ein gutes Leben aufzubauen und eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln. Die Resilienzforschung fragt nun nach den Ursachen und Begleitumständen, um herauszufinden, was eine solche positive Entwicklung befördern mag.

Ergebnis der Studien ist, dass resiliente Menschen in der Lage sind, sich Hilfe zu suchen, Beziehungen einzugehen, praktische Intelligenz an den Tag legen, achtsam mit sich umgehen und ihre Gefühle regulieren können. Sie suchen sich Ziele, die sie als sinnvoll empfinden. Resiliente Menschen haben Vertrauen, sich in schwierigen Situationen behaupten zu können.

Doch wie kommt man zu solchen Eigenschaften? Hier steht die Forschung noch am Anfang, so der Psychologe Klaus Lieb in einem Spiegel-Artikel aus dem vergangenen Jahr.

Die gute Nachricht ist: Bei vielen Menschen nimmt die psychische Stabilität nach überwundenen Krisen zu. Psychologen nennen das posttraumatisches Wachstum. Der Bestsellerautor Nassim Taleb spricht von der Entwicklung einer „Antifragilität“, die mehr ist als reine Resilienz, weil sie psychische Eigenschaften nicht einfach nur wiederherstellt, sondern Menschen sogar wachsen lässt.

Resilienz, ein Wundermittel zur Krisenbewältigung?

Ein weit verbreitetes Lebensmotto unserer Tage lautet: „Jeder ist selbst seines Glückes Schmied.“ Wir haben unser Schicksal in der Hand. Diese Einstellung kann motivierend wirken und Menschen dazu bringen, sich und ihre Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Sollte dieses Motto jedoch dazu führen, dass man meinte nur genug trainieren zu müssen, dann sei man resilient und quasi immun gegen Krisen, dann kann das leicht zu Enttäuschungen führen. Es gibt keine Garantie, dass sich durch das Einüben in Resilienz fördernde Eigenschaften immer und überall schnell wieder Erfolg automatisch einstellt.

Wer modernes Self-managing übertreibt, so warnt der Philosoph Ludgar Heidbrink, merkt schnell eine Art „Last der der Selbstverantwortung“. Dies kann dazu führen, dass Menschen sich wie getrieben fühlen. Als Folge stellen sich Gefühle wie Überforderung und Ohnmacht ein. Menschen erleben sich dann als mitschuldig an ihren Umständen, was wiederum ihren Handlungsspielraum als eingeengt erleben und sie anfälliger für Burnout und Depression werden lassen.

Paradoxerweise entsteht Resilienz aber eben nicht da, wo alles schon aufgrund eigener oder fremder Erwartung vorgezeichnet oder vorgeschrieben erscheint, sondern da, wo z.B. Arbeitsabläufe selbstbestimmte und ergebnisoffene, auch fehlertolerante Phasen erlauben, erläutert Heidbrink.

Es braucht die Unterbrechung, damit Resilienz aufleuchten kann. Man kann sogar so weit gehen zu sagen, es braucht die Krise, damit man sich der eigenen Stärken und Kräfte bewusst werden kann. Anders ausgedrückt: Verletzlichkeit sowie Fehlbarkeit und Resilienz sind einander bedingende dynamisch Prozesse, behauptet der Anthropologe Thiemo Breyer.

Resilienz kann zutage treten, wo die Verletzlichkeit des Lebens, eine unperfekte menschliche Existenz nicht verdrängt, sondern erkannt wird. Erst wenn das Negative innerlich zugelassen wird, kann es auch ausgesprochen werden. Das Aussprechen von dem, was belastet, fördert wiederum das Entstehen von Widerstandskräften.

Die Klage in alttestamentlichen Psalmen ist daher auch keine Flucht vor dem Bedrohlichen, sondern eher eine „Form der Selbstermächtigung“, so die Theologieprofessorin Cornelia Richter. Im Aussprechen geschieht ein erster Schritt zur Bearbeitung des eigenen Erlebens.

Die Worte, etwa der Klagepsalmen, zeigen modellhaft, wie Menschen sich Luft verschafft haben, indem sie ihre Verzweiflung, ihren Ärger allein oder in Gemeinschaft vor Gott gebracht haben. Bedenkt man dies, kann man sich also fragen:

Trägt der Glaube zu Resilienz bei?

Viele Menschen berichten, dass ihnen der Glaube hilft, in einer Krise nicht zu verzweifeln. Religion oder zumindest Spiritualität spielt für viele Menschen eine wichtige Rolle, wenn sie eine existenzielle Krise erleben, selbst, wenn sie sich sonst nicht als sehr religiös erleben.

Die Bibel bietet unzählige Beispiele in erzählten Geschichten, wie Menschen Krisen erlebt und überwunden haben. In den Psalmen etwa finden wir vorformulierte Gebete für Zeiten, in denen es uns gleichsam die Sprache verschlägt. In der Geschichte des Volkes Israel erinnerten die großen Propheten in schwierigen Zeiten immer wieder daran, dass Gott bereits früher geholfen hat und warben für das Vertrauen darauf, dass er es auch wieder tun würde. So gesehen sahen sie in Gott eine Ressource und besannen sich auf das, was schon einmal geholfen hat. Ihr Glauben half ihnen, nicht auf das Dunkle fixiert zu bleiben, sondern durch Leid und Tod hindurch eine Zukunft, ein neues Leben zu sehen.

Wenn Menschen damals wie heute Kraft im Gebet schöpfen, weil sie sich von Gott getragen fühlen, wenn Menschen innerhalb eines Netzwerkes eingebunden sind oder sich selbst für Mitmenschen verantwortlich fühlen, dann stärkt das nachweislich die Widerstandskräfte. Die Zuversicht, dass es etwas gibt, was über uns hinaus geht und uns eingebunden sein lässt in ein großes Ganzes fördert Hoffnung und Zuversicht. Insofern ist Glauben eine Ressource, die gerade in Krisenzeiten neue Wege eröffnen kann. Religion und Resilienz haben so gesehen etwas gemeinsam.

Auf der anderen Seite können Religionen aber auch die Entwicklung von resilienten Kräften verhindern. Das kann dann passieren, wenn religiöse Gemeinschaften sich dahin verändern, dass sie Menschen in Abhängigkeit halten, Hilfesuchende schwächen, indem sie sie zum Objekt ihrer Barmherzigkeit machen und damit zu Hilfsabhängigen. Eine andere Gefahr ist, wenn religiöse Gemeinschaften sich zu Handlangern von politischen Ideologien machen und damit das Vertrauen der Mitglieder für politische Ziele missbrauchen. Das widerspricht jedoch der Grundintention der christlichen Botschaft.

Denn das Kreuzesgeschehen, Kern unseres Glaubens, führt uns auf der einen Seite unsere Verwundbarkeit als Menschen vor Augen. Auf der anderen Seite zeigt es, was Auferstehung uns er öffnet. Schon in dem Wort Auferstehung steckt „sich aufrichten“, also zuversichtlich werden. Es geht darum, Sinn für sich und sein Leben zu finden. Heil und Heilung gehören zusammen.
Insofern passen Glaube und Resilienz auch deshalb zusammen, weil es darauf ankommt, Krisen, die zum Leben dazu gehören, in das eigene Leben integrieren zu lernen.

Viele Menschen entdecken ihre religiösen Bedürfnisse auch erst, wenn sie eine Krise durchmachen. Hier ergibt sich ein interes santer Zusammenhang zum Phänomen der Resilienz: Man merkt erst, ob man resilient ist, wenn man eine Krise durchmacht.

Und nach einer Krise bleiben Narben, die an den erlebten Schmerz erinnern. Selbst Jesu hatte diese Narben. Der Jünger Thomas hat sie betasten wollen, wie die Bibel berichtet. Glauben ist eben auch kein Wundermittel, welches das Leben nur noch angenehm macht und alles Schwere verdrängt, doch ich bin überzeugt:
Der Glaube an Gott und Jesus, dem Christus, also das Göttliche im Menschen und das menschliche Gesicht Gottes, kann eine Haltung unterstützen, sich auch dem Unangenehmen im Leben zu stellen, um auch angesichts von Entbehrungen oder persönlichen Verletzungen erneut begehbare Wege zu suchen, neuen Sinn für sein Leben zu finden, überhaupt wieder Leben zu wagen.

Glaube kann dazu beitragen, auch nach erlebten Verletzungen oder in bestehenden Krisen, berührbar zu bleiben. Gerade auch, wenn wie in diesen Zeiten Berührung nur eingeschränkt möglich ist.



Pastorin Katja Rogmann
Telefon 40 15 18
pastorin.rogmann@onlinehome.de

Verwendete Literatur: Hildegard Keul, Thomas Müller (Hgg.), Verwundbar. Theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Vulnerabilität. Würzburg 2020
Cornelia Richter (Hgg.), Ohnmacht und Angst aushalten. Kritik der Resilienz in Theologie und Philosophie, Stuttgart 2017
Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität, 6. Aufl. 2020; Die Kraft in mir, Artikel in: Der Spiegel, Nr. 11, 2019