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Schwerpunkt: Bob Dylan





Bob Dylan - krisenfest!

Vorbemerkung: Da ich zum 1. Juli dieses Jahres in den Ruhestand gehe, sollte ich in dieser Ausgabe des Gemeindebriefes eine Art Abschiedsartikel schreiben. Der Chefredakteur hatte mich gefragt, ob ich das nicht verbinden wolle mit einem Artikel über Bob Dylan – er und mancher andere in der Gemeinde weiß ja, dass ich „Fan“ bin. Und also am Ende noch einmal die Frage klären: Warum eigentlich? Ich weiß gar nicht mehr, ob ich diese Kombination als gute Idee empfunden habe – aber jedenfalls als Herausforderung, und deshalb habe ich zugesagt. Nun gehe ich am 1. Juli tatsächlich in den Ruhestand, aber der vorgesehene eigentliche Abschied, also Gottesdienst und Gemeindefest am 21. Juni, musste aus bekannten Gründen abgesagt werden und wird später nachgeholt. Deshalb hier also einige Zeilen – nicht zu meinem Abschied, aber zu Bob Dylan.

Bob Dylan ist ohne Zeifel der beste Sänger der Welt - das hat kein geringerer als Jann Wenner, langjähriger Herausgeber des wohl renommiertesten intertnationalen Rockmagazins „Rolling Stone“, vor Jahren behauptet, und ich stimme dem voll zu. Allerdings räume ich ein, dass diese Wertung sich nicht jedem und jeder unmittelbar erschließt. Manche sagen - er hat viele gute Songs geschrieben, aber singen können andere sie besser. Und tatsächlich sind viele seiner bekanntesten Titel von anderen in die ‚Charts‘ gebracht worden. Dylans Stimme – so hat einmal jemand geschrieben – höre sich eher nach dem Jammern eines alternden oberägyptischen Ziegenhirten an. Ich habe das als 12jähriger beim ersten Dylan-Song genauso empfunden. Mein großer Bruder hatte sich die Vinyl-Single gekauft und spielte sie – schon bald total zerkratzt – immer wieder auf dem 10-Platten-Wechsler mit eingebautem Verstärker und Lautsprecher: „Maggies‘ Farm“. Wer Zugang zum Internet hat, gebe einmal „Bob Dylan Maggies Farm“ in eine Suchmaschine ein: Man versteht sofort, was mit der Ziegenstimme gemeint ist.

Nein, Bob Dylan ist kein guter Sänger im Sinne technischer Perfektion oder eingängiger Ästhetik. Er entzieht sich allerdings auch als Person jeder Eingängigkeit, er will als Künstler nicht ausgenutzt werden für irgendeine politische oder sonstige Ideologie. Die Stimme passt zum Inhalt: „I ain’t gonna work on Maggie’s Farm no more“. Als Dylan dieses Lied 1965 geschrieben und gesungen hat, war er mit Liedern wie „Blowin‘ in the wind“ und „The times they are a-changin‘“ schon in kürzester Zeit zu einer Ikone der amerikanischen Protest- und Bürgerrechtsbewegung der frühen 60er-Jahre geworden. Aber mit einem Lied wie „Maggie’s Farm“ entzieht er sich nicht nur der Vereinnahmung durch eine in großen Teilen rassistisch und reaktionär geprägte Gesellschaftsnorm, sondern auch dem Versuch, ihn zur Gallionsfigur des Protestes zu machen. Er widersetzt sich dem ausnutzendem Zugriff der Plattenindustrie genauso wie der traditionalistischen ‚Folk‘-Bewegung, für die Lieder nur mit akustischer Gitarre begleitet werden dürfen und die Inhalte immer auf der genau richtigen ideologischen Linie sein müssen. Er spielt den Song 1965 beim jährlichen Treffen der ‚Folk‘-Gemeinde in Newport, begleitet von einer Rockband mit E-Gitarre und Schlagzeug. Die Organisatoren des Festes, die grauen Eminenzen der Folk- und Protestbewegung, u.a. Pete Seeger, und die Mehrheit des Publikums sind entsetzt. Aber Dylan zieht gerade aus diesem Sich-Den-Erwartungen-Entziehen die Kraft, künstlerisch voranzukommen. 1966 erscheint ein Album, das ein Meilenstein in der Geschichte Rock-Pop-Geschichte ist: „Blonde on Blonde“ – schon äußerlich von allem bisher dagewesenen zu unterscheiden: die erste Doppel-LP, Songs, die souverän die 3-Minuten-Vorgabe der maßgeblichen Radiosender überschreiten, ein Stück fast 13 Minuten lang. Das hatte es in der populären Musik vorher noch nicht gegeben.

Bob Dylan hat sich in seinem ganzen Künstlerleben immer wieder den Versuchen entzogen, ihn von außen her festzulegen und damit in den Griff zu bekommen. Wie ein gehetzter Hase nahm er hier und da Richtungsänderungen vor. Manchmal sehr abrupt, selbst für die treuesten Fans schwer nachvollziehbar. Etwa als er seit 2015 angefangen hat, im Studio und auf der Bühne fast ausschließlich Frank-Sinatra-Lieder vorzutragen. Aber Dylan hat so überlebt. Physisch überlebt und künstlerisch überlebt: eine ganze Reihe von einflussreichen Pop- und Rockstars der 60er- bis 80er-Jahre sind früh gestorben, von den Kräften, die an ihnen zerrten, überfordert oder künstlerisch versandet und in die Bedeutungslosigkeit gefallen. In diesen Tagen erscheint Dylans 39. Album und er wäre – wenn es Corona-Pandemie nicht gäbe – im Frühjahr und Sommer auf Tournee in Japan und den USA gewesen.

2016 hat Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen: „for having created new poetic expressions“, wie es in der Begründung heißt. Seine Liedtexte lassen sich allerdings nicht in bestimmte griffige Aussagen oder Botschaften gießen. Manches von dem, was er da geschrieben hat und singt, ist vielleicht nicht nur für den Hörer, sondern auch für ihn selbst kaum fassbar. Womöglich dienen manche Formulierungen sogar zu nicht mehr als der Flucht vor denen, die allzu schnell verstehen wollen. Worum aber geht es dann in seinen Liedern? Soviel kann man sagen: Er beschreibt nachhaltig das Phänomen der Entfremdung, der gesellschaftlichen wie persönlichen. Die von Karl Marx als Ergebnis der Industrialisierung beschriebene Entfremdung von der Arbeit hatte sich nach den beiden Weltkriegen zu einer Entfremdung als einem gesellschaftlichen Grundgefühl ausgeweitet - das war auch in Dylans Heimat Minnesota / USA so. Die Versuche und Hoffnungen der 50er-Jahre, diese Entfremdung zu überwinden - durch zunehmenden Wohlstand und Konsum, durch Wiederherstellung längst überholter Normen und Ordnungen, werden als nicht tragfähig, ja als verlogen wahrgenommen. Der Mord an Präsident John F. Kennedy Ende 1963 und seine Begleitumstände, genauer gesagt, deren öffentliche Wahrnehmung, sind Indikator für diese Entfremdung. Dylan nimmt diese Grundstimmung in seinen Songs auf und will so etwas wie eine Basis-Medizin zu geben, die es erlaubt, Kräfte zu sammeln, um sie mindestens erträglich zu machen. In den ersten 60er-Jahren schreibt er zahlreiche sogenannte „Protestsongs“, die zu Hymnen der Bürgerrechtsbewegung in den USA werden. „Topical Songs“, mit denen – aufbauend auf realen Begebenheiten, die er Zeitungsartikeln entnimmt – Unrecht und Gewalt an einzelnen Menschen angeprangert wird (Anspieltipp: „The Lonesome Death of Hattie Carroll“). Davon wendet er sich dann ab (nicht ohne auch in späteren Jahren immer wieder einmal solche Songs zu schreiben), weil er das Phänomen tiefer, gewissermaßen existentialistisch erfassen will. Ein Beispiel dafür ist das 1965 geschriebene Lied „Ballad of a thin man“ (erklärter „Bob-Dylan-Lieblingssong“ von Ex-US-Präsident Jimmy Carter): „Something is happening here, but you don’t know what it is. You try so hard, but you don’t understand. And you say ‘Oh my god, am I here all alone’?“. Nicht verstehen und nicht verstanden werden, verlassen sein und verlassen werden, Isolation, Einsamkeit – Grundthemen, die in Dylans Liedern in vielen Varianten auftauchen. Und auf der anderen Seite die Frage: Was hilft dagegen? Und dann die Suche nach der eigenen Identität: Was ist der Mensch, wer bin ich? Dabei hat Dylan sich die Freiheit genommen, in alle Richtungen zu denken und fühlen. Natürlich gibt es durch die Jahrzehnte hindurch jede Menge Liebeslieder, meist etwas Dylan-typisch schräg und in ihrer Schönheit erst nach mehrmaligem Hören zugänglich (z.B. „Love Minus zero / No Limit“: „My love she speaks softly, she knows there’s no success like failure and that failure’s no success at all. … She’s like some raven at my window with a broken wing“). Die Frage „Wer bin ich?“ beantwortet er zunächst mit dem Hinweis darauf, dass er nicht das ist, was andere von ihm wollen oder denken. „It ain’t me babe“ ist das Lied, das dafür schon mit seinem Titel steht – durch die Jahrzehnte hindurch von Dylan tausendfach bei Konzerten in unterschiedlichsten musikalischen Interpretationen gesungen. Immer wieder gibt es teils radikale künstlerische Neuanfänge. Als er 1966 einen Motorradunfall hat, entzieht er sich eine ganze Zeit der Öffentlichkeit – und kommt 1967/68 zurück mit zwei Alben in deutlich religiöser Färbung und im Country-Stil – zudem mit einer völlig veränderten, beinahe sonoren Stimmlage (Anspieltipp: „Lay Lady Lay“). 1979 konvertiert er zum Christentum, schreibt und veröffentlicht zwei Jahre lang Gospel-Songs und beschränkt sich in Konzerten dieser Jahre ausschließlich auf dieses neue Repertoire (Anspieltipp: „What can I do for you?“). Ein Künstler auf der Suche nach seiner Identität …



Was aber ist die Botschaft hinter Dylans Liedern? Was ist sein Rat, seine Hilfe im Umgang mit gesellschaftlicher und persönlicher Entfremdung? Was ist Dylans Antwort auf die Frage, was der Mensch ist und wer er selbst ist? Als er in einer Pressekonferenz 1966, bei der er - warum auch immer - eine große Glühbirne in der Hand hält, gefragt wird, was denn die Botschaft seiner Songs sei, sagt er: „Always carry a lightbulb“. Eine provokante Verweigerung. Dylan ist eben nicht bereit gewesen, seine persönlichen „Antworten“ unmittelbar vor breitem Publikum auszubreiten: „It’s not to stand naked under unknowing eyes, it’s for myself and my friend that my stories are sung“ („Restless Farewell“). Er hat aber offensichtlich die Gabe, die unzähligen Eindrücke aus Ereignissen, Nachrichten, Texten, Bildern, die auf ihn und andere Menschen in dieser Welt einwirken, wie ein Schwamm aufzusaugen und in seinen Liedern in einer Mischung aus Text, Stimme und Musik zu Grundstimmungen zu verdichten, persönlichen wie gesellschaftlichen. Diese Gabe fasziniert mich und hat mich schon früh (also seit „Maggie’s Farm“) und hart näckig zu einem Bob-Dylan-„Fan“ werden lassen. Seine Lieder sind für mich so etwas wie emotionale Grundnahrung. Das hat auch damit zu tun, dass diese „Stimmungen“ der Lieder in seinen verschiedenen Schaffensperioden in meiner persönlichen Biographie Anknüpfungspunkte hatten: die Protestsongs, die heimatlichen Klänge, die Liebeslieder, die Herz-Schmerz-Lieder (Anspieltipp: „You’re a big girl now“) – und natürlich dann auch die Gospels 1979/1980 – da war ich Theologiestudent. Meine berufliche Orientierung hat aber ursächlich nichts mit Dylan-Liedern zu tun. Andererseits ist bei aller künstlerischen Freiheit seine Verbundenheit mit der biblischen Religiosität und damit dem jüdisch-christlichen Glauben unverkennbar. In seinen Liedern finden sich massenhaft biblische Assoziationen, Zitate, Bezüge. Manche Songs auch außerhalb der Gospel-Phase kann man geradezu als biblische Lieder bezeichnen: „When the Ship Comes In“ (1963), „Father of Night“ (1970), „Ring Them Bells“ (1989), „God knows“ (1990) und natürlich die Weihnachtslieder-CD „Christmas in the Heart“ (2009). Diese biblische Verwurzelung hat Ursachen: zum einen mehr äußerlich, weil Dylan seiner Herkunft nach Jude ist. Zum anderen aber ist es so: Auch die Bibel beschreibt den Menschen gleich am Anfang, in der Sündenfallgeschichte, als von Gott, vom Nächsten und sich selbst Entfremdeten. Und in den tausend Seiten, die dann folgen, geht es um die Frage, wie der Mensch mit dieser Entfremdung leben und sie bestenfalls überwinden kann. Viele von Dylans Liedern reflektieren ja genau diese Situation und diese Frage. Sie haben insofern einen ernst zu nehmenden Hintergrund. Dylan darf überhaupt wohl als derjenige gelten, der die Unterscheidung zwischen sogenannter E-Musik („E“ wie ernst – also Klassik) und U-Musik („U“ wie Unterhaltung) aufgehoben hat. Mit seinen Songs spätestens ab Mitte der 60er-Jahre ging es auch im Pop und Rock, also der Musik, mit der breite Bevölkerungsschichten erreicht werden und sich unterhalten lassen, nicht mehr nur um Zerstreuung, Vertröstung, Ablenkung, sondern um authentische Lebensfragen. Das haben andere fast zeitgleich oder danach aufgegriffen und fortgeführt. Dylan ist nicht nur da ein Stück voraus gewesen. Er konnte, aus dem was ist, das erkennen, was kommt. Von sich selbst hat er, vor die Alternative „Sänger“ oder „Dichter“ gestellt, einmal gesagt, er sei ein „Song- and Danceman“. Er ist auch ein Prophet. Und dann also allenfalls in diesem Sinn – der beste Sänger der Welt. Gerade vor wenigen Tagen wurde ein Stück von seinem demnächst erscheinenden neuen Album vorab ver- öffentlicht – „Most Murder Foul“, ein 17-Minuten-Stück, das in einer Rezension der ‚Zeit‘ als „Requiem auf die USA“ bezeichnet wurde. Dylan setzt dabei in einer Art Sprechgesang noch einmal an beim Attentat auf Präsident Kennedy im Jahr 1963 …



Pastor Norbert Dierks
Telefon 47 35 65
psstor-dierks@t-online.de








P.S.: Wer sich näher mit Dylan-Songs beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Buch „Bob Dylan – Die Geschichten hinter den Tracks – Alle Songs“. Ein richtig dicker „Schinken“, € 60 teuer – auf 704 Seiten geben die Autoren für 492 Lieder Einblick in die Vorgeschichte, den Text und die Aufnahme. Einfach interessant zu lesen – und dann das Stück dazu anhören!
Und wer einfach mehr Dylan hören will – hier meine TOP 5 – Alben: „Blood on the Tracks“ (1974), „Time Out of Mind“ (1997), „Blonde on Blonde“(1966),„Modern Times“ (2006), „The Freewheelin‘ Bob Dylan“(1963)

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