Evangelisch
Katholisch
Impressum&Datenschutz

Schwerpunkt: Fake News



„Neustart für Badegäste am Krupunder See“

Es wäre eine Sensation, doch die Nachricht ist falsch. Der Screenshot – also das Foto eines Tweets des Hamburger Abendblatts – wurde nachträglich manipuliert. Es wird keinen Badestrand am Krupunder See mehr geben. Falschmeldungen verbreiten sich gerade im Internet besonders schnell. Dafür gibt es mehrere Gründe. Falschmeldungen sind eine Herausforderung für uns alle, auch für Journalisten beispielsweise der tagesschau. Deshalb lohnt es sich zu wissen, wie man sich persönlich vor Falschmeldungen schützen kann.

Von Wolfgang Wichmann

Endlich wieder ein Freibad am Krupunder See… Eine Nachricht, mit der das Hamburger Abendblatt in Halstenbek sicherlich erfolgreich einige Ausgaben extra verkaufen würde. Doch der Tweet ist eine plumpe Fälschung. Die Änderung des Inhalts, samt Erstellung des Screenshots dauerte nur zwei Minuten. Das sollten man wissen. Der Original-Tweet stammt aus dem April und meldete lediglich, dass wegen der Corona-Pandemie nun auch die Parkplätze am Krupunder See gesperrt worden waren. Nur alte Fotos – etwa in der Halstenbeker Chronik - erinnern an die Zeit, als sich Menschen noch zahlreich im See und drumherum tummelten und dafür teils lange Strecken mit dem Rad nach Krupunder auf sich nahmen.

Andere Medien, wie beispielsweise das Pinneberger Tagblatt würden die erfundene Meldung vom Neustart für Badegäste deshalb auch gar nicht drucken. Denn: Schon ein Anruf bei der Gemeinde Halstenbek würde Klarheit bringen: Die Nachricht vom neuerlichen Badespaß am Krupunder See ist falsch – „Fake News“, wie es so schön neudeutsch heißt.

Das Internet – Nährboden für Falschmeldungen

Es ist eine Aufgabe von Journalisten, falsche Informationen von richtigen zu unterscheiden und nur das aufzuschreiben oder zu senden, was stimmt. Der Leserin oder dem Leser wird dadurch Arbeit abgenommen. Im besten Fall findet sie oder er nützliche Informationen so formuliert, dass es unterhaltsam und lehrreich zugleich ist und dabei auch noch Freude bereitet und bildet.
Das Internet aber hat alles verändert. Soziale Medien, sogenannte Social-Media-Kanäle, spülen im Minutentakt Neuigkeiten auf den Markt - garniert mit Fotos und Videos. Stunden um Stunden werden selbst gedrehte Wackelvideos ins Netz befördert. Smartphones mit Flatrate sei Dank. Jeder, der ein neueres Mobiltelefon halten kann und über eine Internetverbindung verfügt, kann Sender sein – kann Nachrichten formulieren oder kommentieren, die eigene Meinung veröffentlichen oder die Meinung eines anderen kommentieren. Im Internet trifft so der Laie auf den Fachmann, der Augenzeuge auf den Stubenhocker und der Abenteurer auf den oder die, der gerne selbst mal einer gewesen wäre.
Das Internet ist für Journalisten ein Segen. Nie zuvor war es leichter, schnell einen Augenzeugen zu finden, der schon vor Ort war, als beispielsweise das große Haus im Ort plötzlich brannte. Der exakt beschreiben kann, wann und wo die Flammen zuerst wüteten. Es ist vielleicht dieser Augenzeuge, der dann auch noch ein Video mit seinem Smartphone gemacht hat. Für seine Frau vielleicht – oder für YouTube, Facebook, Instagram, Twitter und TikTok – die sozialen Netzwerke im Internet. Auf der Website der Tageszeitung würde das Video des Brandes sicherlich tausendfach geklickt, auch in den Abendnachrichten im Fernsehen wäre es zu sehen. Und unser Augenzeuge wäre hoch erfreut, dass sein Video so viel Beachtung findet.

Wenige Klicks – viel Beachtung

Das Internet ist für Journalisten aber auch ein Fluch. Denn die Menschen sind nun mal – sagen wir - verschieden. Menschen haben unterschiedliche Motive: So gibt es einige, die gerne Beachtung hätten – aber keine oder nicht genug davon kriegen. Die einen Brand gerne selbst gefilmt hätten, aber nicht gefilmt haben. Die aber in der Lage sind, das Video eines lodernden Brandes im Internet zu finden und dieses mit einer anderen Überschrift im Internet zu verbreiten. Zwei oder drei Klicks – vielleicht eine kleine Bearbeitung des Materials – und schon gibt es virtuelle Beachtung in Form von Likes und Reichweite. Ob das Video zur neuen Beschreibung passt oder nicht, ist dem Internet egal. Im Zweifel wird man im Internet sogar mit Geld belohnt, wenn man etwas bietet, das andere interessiert. Wahr oder falsch ist in den sozialen Medien häufig keine relevante Kategorie. Viel wichtiger ist oft das uneingeschränkte Recht auf freie Meinungsäußerung.

Bleiben Sie skeptisch!

Sie, liebe Leserinnen und Leser, tragen in Zeiten des Internets nun selbst die Verantwortung für das, was sie vorgesetzt bekommen. Beim Umgang mit Informationen ist inzwischen generell ein gesundes Maß an Skepsis geboten: selbstverständlich beim Surfen im Netz, aber eben auch in anderen Bereichen des täglichen Lebens – bei der WhatsApp-Nachricht der Kollegin, beim Gespräch in der Warteschlange beim Bäcker oder wo Sie sonst noch von Neuigkeiten erfahren. Überlegen Sie kurz: Wie wahrscheinlich ist es, dass etwas stimmt? Diese Frage ist durchaus geeignet, um sie auszuschneiden und beispielsweise an den Kühlschrank zu kleben. Denn nur wer sich diese Frage stellt, wird Fehler und Desinformationen als solche erkennen können. Wer nicht hinterfragt, wird im guten Glauben verharren. Das kann gefährlich sein.
Obendrein ist der Mensch – sagen wir – menschlich: Denn Dinge, die zur eigenen Weltsicht und Einstellung passen, werden generell weniger kritisch hinterfragt. Die eigene Skepsis ist dann nahezu komplett ausgeschaltet. Den Gegensatz gibt es auch: Dinge, die der eigenen Sicht widersprechen, werden generell skeptischer beäugt und hinterfragt. Dann wollen wir erstmal überzeugt werden, bevor wir glauben. Sie kennen das?

Zweifel oder Vorurteile werden bestärkt

Falsche Informationen oder Desinformationen im Internet setzen häufig gezielt darauf, dass sie nicht hinterfragt werden. Ersteller von Falschnachrichten nutzen also die Menschlichkeit der Leser aus: Raffiniert bestärken sie die eigene Sicht auf die Dinge. Oder sie bestärken unsere Zweifel – auch dort, wo es gar keine einfachen Antworten gibt. Der beste Nährboden für Falschnachrichten sind deshalb auch Situationen der Ungewissheit und der verbreiteten Überforderung. Vor allem in Ausnahmesituationen und in Krisen gibt es daher besonders viele Falschmeldungen – und noch mehr Menschen, die diese glauben oder glauben wollen. Skepsis? Fehlanzeige. Ein Mausklick reicht und schon landet die scheinbar wichtige Information im eigenen Freundeskreis.

„Vertrauen ist das wertvollste Gut“

Inhalte aus dem Internet sind für Journalisten eine wichtige Quelle. Aber: Diese Inhalte müssen besonders gut geprüft werden. Auch die Redaktion der tagesschau in Hamburg, für die ich seit 2008 arbeite, setzt sich seit Jahren mit der Frage auseinander: Wie lässt sich im Netz Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden? Dabei steht für Marcus Bornheim, erster Chefredakteur der tagesschau, viel auf dem Spiel: „Für die tagesschau ist Vertrauen das wertvollste Gut, das wir haben. Dies gilt für alle Ausspielwege. Würden wir Desinformationen wissentlich verbreiten, würde dies das Vertrauen in uns massiv beschädigen und uns langfristig beschädigen. Daher ist es für uns so immens wichtig, Desinformationen zu erkennen, Nachrichten und Bilder zu verifizieren und so mit bestem Wissen und Gewissen zu berichten.“

In der tagesschau-Redaktion hat es deshalb vor allem zwei wesentliche Neuerungen gegeben: Vor der Bundestagswahl 2017 wurde der ARD-faktenfinder ins Leben gerufen: Unter dieser Überschrift veröffentlicht ein Team von Redakteuren vor allem Texte auf der Website tagesschau.de: Ihr Ziel ist es, Falschinformationen im Netz zu finden und diese öffentlich mit einer Richtigstellung zu demaskieren. Zudem werden Rechercheergebnisse zu komplexeren Themen veröffentlicht und Anleitungen für jedermann, woran Falschmeldungen im Netz zu erkennen sind. Die Meldungen des ARD-faktenfinder gehören zu den meistgelesenen Beiträgen der tagesschau. Gesammelt werden sie unter www.faktenfinder.tagesschau.de.

Inzwischen hat der ARD-faktenfinder ungezählte Falschmeldungen enttarnt und richtiggestellt. Ob im Vorfeld der Bundestagswahl 2017, während der chaotischen G20-Tage in Hamburg oder nach dem Terroranschlag am Breitscheidplatz. Von der Verbreitung gefälschter Zitate bis zum Versuch der systematischen Beeinflussung von Wählermeinungen war alles dabei. Patrick Gensing leitet das faktenfinder-Projekt seit dessen Beginn und ist wegen seiner Tätigkeit bereits mehrfach selbst Zielscheibe für Verleumdungen und Anfeindungen geworden.

„Wundermittel“ zur Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie mit der daraus folgenden Verunsicherung war für Gensing mit dem ARD-faktenfinder eine besondere Herausforderung: Warnungen vor Engpässen in der Lebensmittelversorgung machten die Runde, ebenso Horrorszenarien in Sachen „Impfpflicht“ oder Verweise auf angebliche Wundermittel gegen das Corona-Virus – beispielsweise durch US-Präsident Donald Trump, der gegen das Corona-Virus öffentlich über das Spritzen von Desinfektionsmittel sprach. „Die Verbreitung von Gerüchten und gezielten Falschmeldungen hat in der Corona-Pandemie eine neue Dimension erreicht“, zieht Gensing Bilanz. „Dies liegt daran, dass es eine besonders große Verunsicherung gibt, die von Scharlatanen, politischen Scharfmachern und skrupellosen Geschäftemachern ausgenutzt wird. Die Konsequenzen können lebensgefährlich sein.“
Neben Desinformationen finden sich im Internet oft auch manipulierte oder veraltete Fotos und Videos zu aktuellen Ereignissen. Die tagesschau lässt relevantes Material von insgesamt fünf besonders geschulten Mitarbeitern prüfen und verifizieren. Unter der Leitung von Michael Wegener wird im Internet gezielt nach Bildern gesucht, die für die tagesschau-Berichterstattung wichtig sind: „Manchmal geht es dabei um sehr aktuelle Bilder von Erdbeben oder Anschlägen“, erklärt Wegener die Aufgabe. Danach erfolgt in Kooperation mit Kollegen der international vernetzten Broadcasting Union, die diese Bilder ebenfalls überprüft und auch die Senderechte klärt, die Verifikation. Die oft komplexe Aufgabe klingt relativ einfach: „Sind die Handybilder, die im Netz kursieren, wirklich aktuell und von dem angegebenen Ort oder sind sie in Wirklichkeit schon ein paar Jahre alt und aus dem Zusammenhang gerissen?“

Erst nachdenken, dann handeln

Falschmeldungen und Desinformationen sind dann gefährlich, wenn sie von vielen verbreitet – und dann auch geglaubt – werden. Dabei gibt es einige Dinge, die jeder tun kann, um nicht Opfer von Falschnachrichten zu werden. Die Grundlage dafür ist, die Dinge zu hinterfragen. Sie erinnern sich: Wie wahrscheinlich ist es, das etwas stimmt? Doch danach sind weitere Schritte ratsam, um Falschinformationen als solche zu erkennen:

Die Quelle prüfen: Woher habe ich diese Informationen? Ist der Urheber verlässlich?
- Im Zweifel eine zweite unabhängige Quelle suchen

Die Fakten prüfen: Was weiß ich konkret? Sind die Inhalte schlüssig und stimmig?
- Im Zweifel das Original-Zitat selbst im Netz suchen und nicht auf Screenshots vertrauen

Fotos und Videos möglichst prüfen: Gibt es dasselbe Foto anderswo im Netz?
- Die sogenannte Rückwärtsbildersuche liefert schnell Antwort. Generell gilt: Nachdenken, bevor man ungeprüfte Informationen weitergibt
- Im Zweifel nachfragen oder nachlesen oder mit anderen über die Zweifel sprechen

Wolfgang Wichmann arbeitet als Planungsredakteur für die tagesschau. Er war Gründungsmitarbeiter im Social-Media-Team von ARD-aktuell, arbeitete seit deren Gründung in der Verifikationseinheit der tagesschau und war von 2017 bis 2019 Redakteur für Recherche und Verifikation im Team des ARD-faktenfinder. Als Trainer gibt er Seminare und Workshops für Journalisten zum Thema Recherche und Verifikation.