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Geistliches Wort



„Die Wahrheit wird euch frei machen!“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in der Kirche, in der ich groß geworden bin, getauft und konfirmiert wurde, findet sich an prominenter Stelle dieser Satz aus dem Johannesevangelium. In der alten Pronstorfer Dorfkirche wurde er gut sichtbar an der Kanzel angebracht. Das verleiht dem Prediger Autorität, mahnt ihn vielleicht auch, keine Lügen oder Halbwahrheiten von der Kanzel zu verkündigen.
Der Satz stellt einen großen Anspruch dar, man kann auch sagen: Eine große Behauptung - und ein großes Versprechen. Er behauptet, dass die Worte Jesu von anderer Qualität sind als das, was man sonst so hört und liest. Er behauptet, dass es in der christlichen Religion um ein Verständnis von Welt und Mensch geht, das sonst nicht weitergegeben wird. Er behauptet auch, dass man sich nicht an „Wahrheiten“ anderer Weltanschauungen, Denkrichtungen, Prediger, Philosophen, Esoteriker... halten soll, die auf dem ersten Blick zwar einfacher, auch einsichtiger erscheinen mögen, letztlich aber der Sache nicht auf den Grund gehen - und nicht zum Ziel des Lebens führen.

Eine Behauptung. Ist sie auch glaubwürdig?
Beantworten kann man das - jeder für sich - wohl nur aus der eigenen Erfahrung heraus. Nur zwei Beispiele: Man mag sich innerlich wehren gegen die „Wahrheit“ der Bibel, dass der Mensch von Sünde geprägt und bestimmt ist. Man möchte viel lieber hören, dass man stark und wunderbar ist, „gemacht aus Sternenstaub“. Aber, je älter man wird, je mehr man erlebt, erkennt man auch seine eigenen Grenzen, wie schnell man Fehler macht, wie sehr man Dinge tut und sagt, immer wieder, die man gar nicht tun und sagen will. Die einen selbst und andere kaputt machen. Oder: Man mag sich innerlich wehren gegen die „Wahrheit“ der Bibel, dass es nicht auf Reichtum und Wohlstand ankommt, sondern auf Rechtschaffenheit, Nächstenliebe, Demut. Aber ist dem nicht entgegenzuhalten, dass „der Ehrliche doch der Dumme ist“ und Armut wahrlich nicht glücklich macht? Im Gegenteil, sie kann verdammt weh tun und grenzt auch aus. Aber, je älter man wird, um so klarer erkennt man, was alles auf der Strecke bleibt an eigener Selbstachtung, Beziehung, Liebe, wenn man den eigenen äußerlichen Erfolg an die erste Stelle setzt.

Eine „Wahrheit“ zu erkennen kann schmerzhaft sein. Fordert die Erkenntnis, nimmt man sie ernst, doch auch Konsequenzen. Aber, und das ist das Versprechen, von erfahrenen Mensch vor uns verbürgt, sie macht innerlich frei für ein Leben besonderer Qualität.

In diesem Gemeindebrief können sie auch, auf einer ganz anderen Ebene, im Schwerpunkt darüber lesen, wie im öffentlichen Leben mit „Wahrheit“ umgegangen wird - und wie man „Falschbehauptungen“ erkennen kann. Manchmal nicht leicht, aber auch hier gilt: „Wahrheit“ macht frei, „Fake News“ führen in die Irre.

Ihr
Pastor Malte Lei