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Geistliches Wort



Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es sind besondere Zeiten. Schon seit Monaten. Und es wird noch ein paar Monate lang so weiter gehen.
Gerade ging ich auf dem Weg vom Büro zum Friedhof am Sportplatz vorbei. Sportunterricht der Schule, vielleicht 8. oder 9. Klasse. Beim Fußball, wo normalerweise doch „Geh ran - du Flasche! Los, ran da!“ gebrüllt wird, höre ich nun ganz andere Sätze von den jungen Männern: „Ey – Abstand!“ wird sich zugerufen.

Abstand. Immer und überall.

Und das bei uns Menschen, die wir doch soziale Wesen sind. Wir brauchen es, in den Arm genommen zu werden, die Hände zu halten, über die Wange zu streichen wie die Luft zum Atmen. So heißt es schon in der Bibel, im Evangelium nach Lukas, Kapitel 6, Vers 19: „Und die ganze Volksmenge suchte Jesus anzurühren, denn Kraft ging von ihm aus und heilte alle.“

Ich bin ganz gespannt, wie in fünf Jahren über dieses Jahr 2020 gesprochen werden wird. Was wird bleiben? Welche Schlüsse zieht das Gesundheitswesen in Deutschland und weltweit? Welche Erklärungen werden die Soziologen finden? Viele Einzelheiten werden in Vergessenheit geraten, von denen wir jetzt nicht einmal ahnen, dass wir sie schnell wieder vergessen werden. Und Anderes wird uns in Fleisch und Blut übergehen – wie es schon jetzt mit dem Abstand halten passiert ist. Wir als Kirche werden in ein paar Jahren auch reflektieren können, was sich wie verändert hat. Was hat gut geklappt, was brauchen wir? Schon jetzt gibt es deutlicche Reaktionen aus der Kirchengemeinde:
- der thematische Ostergemeindebrief war toll
- das Ferienprogramm mit Tagesausflügen ist super, beaonders für Kinder, die sich noch nicht zwei Wochen auf eine große Reise ohne die Eltern trauen
- Kleingruppenarbeit ist prima
- große Dankbarkeit, dass bei den Senioren telefonisch nach dem Befinden nachgefragt wurde
- die täglich für Gebet und Stille offene Kirche wurde stark angenommen.
Was davon soll bleiben für die Zeit nach Corona? Wo fehlt es noch und wo kann und muss unsere Kirche kreativ und neu werden? Wird ein Wiedereintritt in die Kirche per Mausklick möglich? Das sind spannende Entwicklungen, die ich gerne beobachte, manchmal erstaunt zur Kenntnis nehme. Und gerne in die Arbeit einbaue. Und auf der anderen Seite bestätigt es mir jeden Tag neu: Wir Menschen sind so sehr abhängig von Berührungen und der Bestätigung anderer Menschen. Wir brauchen das Soziale. Wir brauchen das „Wir“. Das ist eine alte Erkenntnis, zugegeben. Für mich neu ist die Vehemenz. Wie stark das Wohlbefinden von uns Menschen vom „Anrühren“ abhängig ist (egal ob Kita-Kind, Mutti, Jugendmitarbeiter, Opi, Pastor).
„... und Kraft ging von ihm aus, wenn er sie anrührte“, steht bei Lukas. Hier ist mit „ihm“ zwar Jesus gemeint, dennoch trifft es auch auf jeden von uns zu. Wenn ich in den Arm genommen werde, wenn mir eine Hand stützend, liebevoll über den Rücken streicht - wie viel Kraft bekomme ich dann in diesem Augenblick geschenkt! Und wenn vor mir eine verzweifelte Mutter sitzt - wie viel schneller kann ich deren Kraftquelle auftanken, wenn ich sie in den Arm nehme! Es ist in etwa so, wie in dem Bild: Der Fisch erkennt das Wasser erst, wenn er an Land geworfen ist.
Ja, es ist tatsächlich eine sehr starke und eindrückliche Erkenntnis: Wir Menschen brauchen uns, wir schenken uns schon durch kleinste Kontakte so viel. Jeder Mensch ist für einen oder mehrere Menschen ein „Kraftschenker“.

Jeder. Jeden Tag.

Ihre und Eure Diakonin Anna-Lena Krijan